Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

WEINZIERL-FISCHER, Erika: Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes nach den österreichischen diplomatischen Berichten aus Berlin 1869–1871

Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes 319 Herrschaft des Papstes, für die ihr jedes Mittel recht ist. Da eine Aktion in diesem Sinne nur von Frankreich ausgehen kann, verspricht sie die­sem ihre Sympathie „ohne Rücksicht auf die politischen Motive, von denen Frankreich dabei geleitet würde und ohne Erwägung des Um­standes, daß das gegen Italien glückliche Frankreich darin nur eine Etappe zu seinem gegen Deutschland gerichteten Ziele erblicken würde“. Auf dieser rein politischen Grundlage bekommt nun die altkatholische Bewegung eine Bedeutung, die sie auf religiösem Gebiet in Norddeutsch­land nicht hätte93). So gerät wieder der Episkopat in ein Spannungs­verhältnis zu der Regierung, das die frühere einträchtige Zusammenarbeit schwer gefährdet. Im Norden Deutschlands ist dabei der Kampf um Herr­schaft für die katholische Partei aussichtslos, und je länger der Reichs­tag dauert, „desto mehr schwindet die Selbständigkeit des Südens und dessen Wichtigkeit im Parteikampf“. Denn die süddeutschen partikulari- stischen Elemente brauchten als Hinterland die deutschen Provinzen der österreichisch-ungarischen Monarchie, woraus ihre Hauptführer auch gar kein Hehl machen 94). Um von der deutschen Einigkeitspartei nicht überflutet zu werden, ersehnen sie ein „freilich undefinirtes und undefi- nirbares staatsrechtliches Verhältnis“, in dem die deutschen Provinzen der Monarchie zum Reich treten könnten. Bis dahin verlangen sie von der österreichisch-ungarischen Regierung eine Politik, die wenigstens dem Deutschen Reich Schwierigkeiten bereitet und den süddeutschen Partikularismus ermutigt. Trotzdem zu dieser Partei viele von traditio­neller Anhänglichkeit an Österreich erfüllte Männer gehören, hält aber Münch die von ihr geforderte Politik dem Interesse und der Wohlfahrt der Monarchie geradezu entgegengesetzt95). Die Münch’sche Darstellung der Gründe Bismarcks für den Kultur­kampf deckt sich weitgehend mit dem Eindruck, den das Gespräch Bis­marcks mit Dr. Lang im Juni 1871 96) vermittelt. Für die preußische Regierung, d. h. für Bismarck, gab darnach lediglich das Nichteinfügen der katholischen Partei in sein innen- und außenpolitisches Konzept den Anstoß zum Angriff. Nur die Rücksicht auf seine politischen Pläne hatte seinerzeit auch Bismarcks Haltung gegenüber dem Vatikanischen Konzil bis in die letzten Einzelheiten bestimmt. Nun, bei der durch den Sieg gegen Frankreich und die Errichtung des neuen Reiches geänderten 93) Über die infolge dieser Situation entstandenen Erfolge der Altkatholiken bzw. ihre politische Benützung durch Bismarck vgl. Georges Goyau, Bismarck et l’église, Le Culturkampf 1870—1878/1, Paris 1911, S. 135 ff. und Kars a.a.O., S. 55 f. 94) Vgl. dazu die Urteile der katholischen Führer über die Bedeutung von Königgrätz bei Arnold Meyer, Bismarck. Der Mensch und der Staatsmann, Stuttgart 1949, S. 453. — Zu diesem Problem überhaupt vgl. auch Bornkamm a.a.O., S. 56 und ganz besonders Windell, a.a.O. 95) Privatbrief Münchs an Beust vom 18. November 1871. P.A. III, Kart. 104. 9«) Siehe oben S. 316.

Next

/
Oldalképek
Tartalom