Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes nach den österreichischen diplomatischen Berichten aus Berlin 1869–1871
320 Erika Weinzierl-Fischer Sachlage, wurde das Unfehlbarkeitsdogma in den Mittelpunkt der Polemik gestellt und zum Anlaß für scharfe kirchenpolitische Maßregeln gemacht. Protestanten und Liberale glaubten, daß die Regierung bei diesem Vorgehen von religiösen Gründen bestimmt war87), und stürzten sich mit Begeisterung in den von ihnen schon lange geforderten und erhofften Kampf* 98 * *). Protestantische Wissenschaftler haben sich bei der Untersuchung der Divergenz der verschiedenen Ursachen und Erklärungen, die Bismarck selbst für den Kulturkampf angab, noch lange diesem Glauben angeschlossen"). Adalbert Wahl hat für das wesentlichste Motiv Bismarcks die auswärtige Politik gehalten108). Kars hob die Bedeutung der Bis- marckschen Staatsidee hervor101). Gegen die These Wahls stellte sich besonders Sattler, nach dem „die Verquickung äußerer und innerer Gefahren in einem Ursachenzusammenhang Bismarcks Entschluß zum Kulturkampf ausgelöst haben“. Er ist dabei der Meinung, daß die Befürchtungen Bismarcks gegenüber der katholischen Kirche berechtigt waren, und weist darauf hin, daß die preußische Regierung in dem gleichen Monat, in dem sie den Vatikan anzugreifen begann (Juni 1871), auch den Kampf gegen die Internationale aufnahm102). Eyck betont gemäß der späteren Aussage Bismarcks, — „Der Beginn des Culturkampfes war für mich überwiegend bestimmt durch seine polnische Seite“ 103) —, wieder stärker die antipolnische Tendenz des Kulturkampfes104). Dieser Meinung schließt sich Franz zum Teil an, sieht aber letztlich wie Sattler die Gefährdung, „die Bismarck für sein Reich von den Klerikalen zu befürchten müssen glaubte“, als Hauptursache für den Kulturkampf an 105), den er für eine Auseinandersetzung im Sinne Bornkamms hält. Bornkamm, der in seiner sehr interessanten Studie auch die kirchenpolitischen Motive Bismarcks in den Kreis seiner Betrachtungen zieht, bezeichnet den Kulturkampf als innenpolitischen Präventivkrieg. Bismarck, der mit ihm nie weltanschauliche Ziele verfolgt hätte, führte ihn in einer entscheidenden Krisenzeit des Staatsbegriffes, die ihrerseits wie°<') Bericht Münchs vom 12. August 1871, P.A. III, Kart 103. 98) Siehe oben S. 304. °8) „Daß doch im letzten Grund das neue Dogma der Feind ist, geht aus vielen Äußerungen hervor.“ „... mit aus Religion hat er den Kampf unternommen, nicht aus nackter Nützlichkeitspolitik.“ Otto Baumgarten, Bismarcks Glaube, Tübingen 1935, S. 275 und 282. >00) Adalbert Wahl, Vom Bismarck der 70er Jahre, Tübingen 1920, S. 36, 45. 101) Kars a.a.O., S. 39 und 52 ff. 102) Sattler a.a.O., S. 97—101. 103) Erich Eyck, Bismarck, Leben und Werk, III. Bd„ Erlenbach-Zürich 1944, S. 150 f. 104) Gedanke und Erinnerung, G. W. XV, S. 333. 105) Franz a.a.O., S. 213 ff. und 223. — Die Meinung Bornkamms siehe unten.