Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

WEINZIERL-FISCHER, Erika: Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes nach den österreichischen diplomatischen Berichten aus Berlin 1869–1871

318 Erika Weinzierl-Fischer Führer der katholischen Partei verstehen, die früher alle die entschie­densten Gegner des Unfehlbarkeitsdogmas gewesen seien und noch wäh­rend des Konzils alles getan hätten, um dessen Annahme zu verhindern. Nun wären sie die eifrigsten Verteidiger des Dogmas und ließen bei der Bekämpfung ihrer früheren Gesinnungsgenossen alle Regeln der politi­schen Klugheit außer acht. In diesem Zusammenhang erkundigte sich Thile auch nach dem Verhalten der ungarischen Bischöfe bei der Ver­kündigung des neuen Dogmas. Die Meinung Münchs zu dem Konflikt ist, daß trotz dessen Kürze die Kirche bereits eine schwere Einbuße durch die Aufhebung der katholi­schen Kirchenabteilung erlitten habe. Während bisher die staatliche Kirchenaufsicht von Katholiken geleitet wurde, die sich von konfessionel­len Rücksichten lenken ließen, liegt sie nun in den Händen von Prote­stanten, die nur nach staatsrechtlichen und politischen Gründen fragen werden. Die Situation, in die das Zentrum vor allem durch seine Inter­ventionspolitik für den Papst im unrichtigen Moment geraten ist, kenn­zeichnet Münch in prägnanter Weise: „Die unglückliche Campagne, die die katholische Fraction in dem Reichstage gemacht, ist verhängnisvoll für dieselbe geworden. In zwei Fällen trat sie mit ihren Plänen hervor und in beiden Fällen spitzte sie die Waffen gegen sich selbst zu. Einmal in dem unpolitischen Drängen nach Intervention zu Gunsten des Papstes, wodurch sie den Vorwurf auf sich zog, unpatriotische und französische Politik zu machen, — und dann in dem Bestreben, die Entscheidung über die Differenzen mit der Kirche in Süddeutschland vor das Forum des deutschen Reichstags zu bringen; und nun ist es gerade die preußische Regierung, in der sie die Stütze gegen zu radicales Vorgehen der baieri- schen Regierung zu finden hoffte, die den Reigen der Maßregeln eröffnet und das zaudernde baierische Cabinet nach sich zieht. Die Führer der katholischen Fraktion hatten aber vergessen, daß ihre Pläne die der deutschen Reichsregierung zu durchkreuzen drohten und so ist ihr politi­sches Verhalten für die Regelung der katholischen Verhältnisse prä­judiziell geworden, indem die Regierung, aus politischen Gründen, zu raschen Entschlüssen kam, die sie so schnell zu ergreifen vielleicht kaum Veranlassung gehabt hätte“. Im Spätherbst 1871 kommt Münch wieder ausführlicher auf diese Frage zu sprechen92). Er stellt fest, daß sich auf dem politischen Feld Gegensätze herausgebildet haben, die in der Folge nur zu Kämpfen füh­ren können. Dabei kann sich seiner Meinung nach die katholische Partei nicht dem Vorwurf entziehen, „im antinationalen Sinne zu arbeiten“. Sie verheimlicht nicht ihre Pläne für die Wiederherstellung der weltlichen schichte 52, 1940, S. 85. — Zum Verständnis Thiles zu Bismarck vgl. Joh. Saß, Hermann von Thile und Bismarck, Preußische Jahrbücher 217 (1929), S. 257 ff. 92) 4. November 1871. P.A. III, Kart. 103, Nr. 104 F.

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