Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730
210 Hans Wagner mayestet gaben und anbeyfügten, daß wenn auch niemand dem kayßer beystehen wollte, würde er es alleine thun, aber ein vor allemahl müste mann Hannover und Hessen erst über den häuften werfen. Und wenn es nicht anders seyn könnte, so müßte man es dem Patron 62) auch nicht beßer machen. Mann sehe wohl, daß es mit allen seinen Sachen gaukeleyn wären, er veränderte immerzu und wüste selbst nicht, was er haben wolte. Der general Seckendorff leidete nachmahls den discours auf Levenöhr und seine am könig gethane proposition mit dem zusatz, daß Levenöhr sich flattirte, ihro mayestet nun dergestalt gewonnen zu haben, daß er gantz frey ihnen von allem sprechen und was er wollte anrathen könnte; daß vermuthlich dasjenige, was er jüngst wegen Jülich und Bergen gesaget, ihm von Engelland und Holland an handen gegeben worden, umb zu erfahren, ob ein würcklicher tractat zwischen dem kayser und ihro königlicher mayestet wegen der Jülich und Bergischen succession errichtet; daß dahero ihro mayestet mit vieler behutsamkeit nach seinem, des Seckendorffs, be- dünken mit dem Levenöhr umzugehen, weil mann gewiß wüste, daß er alles, was ihro mayestet ihm vertrauten, an die ganzte Sevillanische bande wieder entdeckete. Der general Seckendorff fügte ferner bey, daß ihm nicht verborgen, wie mann auf alle weiße trachtete, seine person ihro königlichen mayestet verhast zu machen. Daß er allein — wenn er sich des worths bedienen dürfte — aus einer particulair liebe und devotion gegen des königs person sich zu dem beschwerlichen ministerial-negotio gebrauchen ließe. Folglich, sobald er spührn würde, daß ihro königliche mayestet die bishero gegen ihm bezeugte gnade und vertrauen änderten, so würde er ihro kayßerliche mayestet fußfällig bitten, ihn zu rappeliren und wieder bey seinem metier zu employren, maßen es ihm ohnedem schmerzlich, dermahlen andere kayßerliche generals in kriegsfunctionen zu sehen, da er indeß mit der feder fechten müste. Und also, wo das agrément von der königlichen personell-gnade wegfiele, ihm unleidentlich käme, sich länger in geschafften gebrauchen zu laßen, zumahl er aus der erfahrung bey dem chursachsischen hoff gelernet, wie übelgesinnte ministers, als der Hoymb und seinesgleichen, den könig von Pohln dahin gebracht, daß er anstatt der sonst dem general Seckendorff gezeigten gnade ohne einzige gegebene Ursache sich zu allem bereden ließe, was dem general Seckendorff tort und nachtheil geben könnte63). Ihro königliche mayestet hörten den general Seckendorff mit größter gedult an und antworteten darauff, daß mann in der that sich bey ihm alle mühe gebe, seine person ihme, dem könig, verhast zu machen. Er solle sich aber an nichts kehren, er wüste, 82) August der Starke führte in der „société des antisobres“ diesen Namen, Friedrich Wilhelm I. war der „Compatron“. Vgl. Paul Haake, La société des antisobres, in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde 21 (1900), S. 241—254. 63) Die Verweisung Seckendorffs vom Hof Augusts des Starken, vgl. oben S. 200 und Anm. 20.