Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730
Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730 201 conditiones erforderte, die ihm und dem churhauß Sachßen einige reelle avantagen verschaffen, damit man wüste, warum mann den degen zöge. Der general Seckendorff replicirte ihro mayestet, daß was das erste anbelangte, solches auf eine compensation gegen die von Chursachßen schuldige und damahls vom ganzen reich verwilligte Römermonathe ankäme. Jedoch woferne die tractaten nur an einem solchen bagatelle sich ac- crochiren sollten, würde der kayserliche hoff dem chursächsischen darum billige satisfaction geben — welches der könig von Preußen auff alle weiße zu thun anriethe. Die zweyte praetension aber wegen der im englischen sold gestandenen trouppen würde wohl von Chursachßen schwehrlich mit grund können gemachet werden, indem keine tractaten hierüber vorhanden — als welches dem general Seckendorff am besten mitbekannt, weil er damahls in chursächßischen diensten gestanden. Könnte aber Chursachßen darthun, daß ihro kayserliche mayestet etwas deshalb versprochen, so dörffte mann sicher seyn, daß auch hierinn wie in allem andern das kayserliche worth würde heiliglich gehalten werden. Sovil aber drittens die verlangte avantagen beträffe, würde mann hoffentlich ihro kayserlichen mayestet niemahlen zumuthen, etwas von dero erb- und eigenen ländern vorläuffig zu errichtung einer alliance mit Chursachßen herzugeben, da gottlob die noth noch nicht so groß wäre, deßen freundschafft mit Verringerung seiner eigenen länder zu erkauften; hingegen mann wie allezeit noch immer geneigt, alle bey entstehendem krieg zu hoffende avantagen denen übrigen mit kayserlicher mayestet sich allűrén wollenden potentátén 22) zu gönnen und sich mit demjenigen zu vergnügen, was Gott dem durchlauchtigsten ertzhauß Österreich bereits bescheret. Der könig von Preußen funde selbst das zumuthen, von eigenen landen was abzu- tretten, unbillig; und weil er doch immer insistirete, auf die übernehmung der sächßischen trouppen oder errichtung der alliance ernstlich bedacht zu seyn, so versicherte der graff von Seckendorff, daß woferne es auf geld oder andere billige conditiones ankäme, da mann zu vorderist von ihro kayserlichen mayestet nichts von denen ihnen bereits zugehörigen landen verlangete, mann kayserlicher seiths kein bedenken haben würde, ihro königlichen mayestet von Preußen charte blanche zu Schließung der tractaten zu geben. Womit der könig vergnügt zu seyn schiene und sich zu fueß nach der kirchen begab, vorhero aber entschloß, annoch morgenden tags in Meuselwiz zu bleiben, jedoch die stadt Altenburg nebst der dasigen gegend zu besehen und folglich erst den 18. July dero reiße nach Anspach fortzusetzen. Bey der taffel und den gantzen tag bezeugten sich königliche mayestet sehr vergnügt und frölich. Weil aber der herzog von Gotha bis in die nacht ihnen gesellschafft leistete, so fielen keine besonders merkwürdige discourse vor. 22) Große Korrespondenz 112 b, fol. 90v: „potenzien“.