Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730

202 Hans Wagner Den 17. July früh gegen 8 uhr, nachdem vorher die neue invention von einer feldküche — so auff einem mit 4 pferden bespannten wagen gemächlich mitgeführet und darinn in währendem marche 8 speißen, wo­runter brathen und pasteten, in V/, stund zeit zugerichtet werden können — von ihro königlicher mayestet besehen, probiret und als ein praesent angenommen worden, fuhr der könig in einer chaise auf zwey personen mit dem general Seckendorff nach Altenburg. Ihro mayestet fiengen unterwegs von freyen stücken den discours von dero eigenen ministris und dienern an, beklagten23) den tod des alten Ilgen24) und beschuldigten ihn doch, daß er selbst mit ursach, daß er, der könig, nun keine rechtschaffene leute mehr hätte, indem er alles selbst thun und keine jungen leute nachziehen .Wollen. Er hätte vielmahls erinnert, mann möchte den Thulmeyer25) nach Wienn schicken, auch ein paar jahr in Frankreich aufhalten lassen, damit er dießer beyder hoffe arth und eigenschafft recht kennenlernete. Allein der alte Ilgen hätte nie gewollt, ihm hingegen den Cnyphausen26) ange- hänget, der bekanntermaßen zwar capacitaet genug, aber gantz französsisch und englisch und anbey faul wäre. Borck seye ein ehrlicher mann, aber bey der feder nicht herkommen, auch veränderlich. Mann recommandirte ihm nun allerhand junge leute und unter andern den jungen Borck, der aber noch lange zu lernen, ehe was daraus würde. Den jungen Natzmer27 *) hätte er employren und nach Schweden schicken wollen, weil er verstand zeigete, allein der vatter hätte es depreciret und gefürchtet, er möchte fehler begehen. Folglich seye er, der könig, übel daran und wann das ge­ringste vorgienge, wüste er nicht, bey wem er sich raths erholen solte. Nur in der Hothamischen affaire hätte er fast nicht gewust, was zu thun. Denn Borck hätte ihm bassessen angerathen, Grumbkau aber, auf deßen ehrlichkeit er sich sonst verließ, währe bey der Sache interessiret. Und nun da Hotham so brusquement abgereißet, würde vielleicht noch mehr lermen aus der Sache werden. So der alte Ilgen noch am leben, würde dießer schon längst an alle seine an ausländischen höfen sich aufhaltende ministers nachricht von dem, was vorgefallen, gegeben haben, damit wenn hierüber weitläuffigkeiten entstünden, mann erkennen könnte, daß des 23) Dieser Bericht des Königs über seine Staatsdiener und den mangelnden Nachwuchs ist ebenfalls bei One ken, a.a.O., S. 43 f., abgedruckt. 24) Heinrich Rüdiger von Ilgen, geheimer Staats- und Kriegsrat, hat den zu großem Einfluß Seckendorffs bekämpft. Er ist, fast achtzigjährig, 1728 ge­storben. 25) Wilhelm Heinrich von Thulemeyer, geheimer Rat und Staatsminister, Parteigänger Österreichs, geb. 1683, gest. 1740. 2«) Friedrich Ernst Freiherr zu Inn- und Knyphausen, wirklicher geheimer Etatsminister. Er mußte am 29. VIII. 1730 im Zusammenhang mit der Kron­prinzenaffäre seinen Abschied nehmen. 27) Der Feldmarschall Natzmer hatte zwei Söhne, wahrscheinlich handelt es sich hier um Karl Dubislav von Natzmer, später Kammerjunker des Kron­prinzen in Küstrin und Rat in Stettin, geb. 1705, gest. 1738.

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