Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

BLAAS, Richard: Das Kardinalprotektorat der deutschen und der österreichischen Nation im 18. und 19. Jahrhundert

154 Richard Blaas sein hohes Alter22), in Wirklichkeit aber, weil in diesem Jahr der kaiser­liche Gesandte Kardinal Cienfuegos Rom verließ und der Kaiserhof nun­mehr in Rom keinen Kardinal in seinem Dienste gehabt hätte 23), ein Kom- protektor zur Seite gestellt in der Person des Kardinals N i k o 1 a u s G i u d i c e, der am 3. September 1735 mit dieser Würde bei der Kurie beglaubigt wurde24). Nach dem am 22. Juli 1738 erfolgten Ableben des Kardinals Schratten- bach wurde der erste Erzbischof von Wien25), wohl zur Mehrung und Hebung seines Ansehens als kirchliches Oberhaupt der Reichs- und Resi­denzstadt Wien, Sigismund Graf Kollonitz26) am 9. August 1738 zum Reichs- und Erblandprotektor ernannt27). Kardinal Giudice blieb weiterhin Komprotektor. Er übte, da er in Rom residierte, die eigentlichen Amtsbefugnisse aus28). Die Protektoratswürde war damals bereits aus­schließlich Kai'dinälen deutscher Nation Vorbehalten, zwar nicht durch ein eigenes Gesetz, wie Kardinal Alexander Albani behauptete29 *), wohl aber 22) „Protector Episcopus Ollomucensis etc. ob ingravescentem aetatem mox dictum Protectoratus munus in Aula et Urbe Romana praesens obire et exercere haud possit“ St. K. Rom, Hofkorrespondenz Fasz. 30, Konzept des Beglaubigungs­schreibens für Kardinal Giudice vom 3. Sept. 1735. 23) Über das Komprotektorat des Kardinal Althan und des Kardinal Cien­fuegos s. h. J. Wodka, Das Kardinalprotektorat deutscher Nation und die Pro­tektorate der deutschen nationalen Stiftungen in Rom, in ZRG. 64, kanonistische Abtl. 33, S. 311, Anm. 38. 24) Konzept des Ernennungsdekretes und der Beglaubigung in Reichshof­kanzlei, Fasz. Protectoratus und St. K. Rom, Hofkorrespondenz, Fasz. 30. 25) Wien war erst 1722 zum Erzbistum erhoben worden. 26) Kardinal Kollonitz, am 30. Mai 1676 geboren, erhielt 1699 die Priester­weihe nach seinen in Rom absolvierten theologischen Studien. 1708 wurde er zum Bischof von Waitzen ernannt und 1716 auf den Bischofsitz nach Wien trans­feriert. Nachdem das Fürstbistum Wien 1722 zum Erzbistum erhoben worden war, erhielt er 1727 das Kardinalat. Vgl. Wurzbach, Biogr. Lexikon, Bd. 12, S. 263 f. 27) Konzept der Ernennungsurkunde in Reichshofkanzlei, Protectoratus: Rev. in Christo P. Dom. Sigismundum S. R. E. Cardinalem a Kolloniz, Archiepis- copum Viennensem S. R. I. Principem et Amicum Nostrum Charissimum ... in saepefatae inclytae Nationis Germanicae, Regnorumque ac Dominiorum Nostrorum haereditariorum Protectorem ... elegerimus, designaverimus ... Kon­zept des Beglaubigungsschreibens in St. K. Rom, Hofkorr. Fasz. 31. 28) „Es ist die Würde jederzeit nach absterben eines Protectoris einem andern Cardinalen verliehen worden, wan auch gleich (wie in denen letzten Zeiten immerzu üblich) ein ander zu Rom residirender Cardinal als Comprotector würk- lich sich angestellet befunden“, aus dem Vortrag des Reichsvizekanzlers Collo- redo vom 22. Juni 1751, St. K. Rom, Varia, Fasz. 65. 29) „L’Eccellenza Vostra ben sá che secondo le leggi piü recenti dell’Imperio il Cardinale Protettore di Germania deve sempre essere un Tedesco nativo, che peró non risiedendo questi in Roma si deputa un Comprotettore, che suplisca qui alle veci“, aus dem Bericht Albanis an Grafen Ulfeld vom 30. Januar 1745, St. K. Rom, Berichte, Fasz. 183.

Next

/
Oldalképek
Tartalom