Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

PILLICH, Walter: Die Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien im Jahre 1683

144 Walter Pillich kanzlei, Johann Eisenmann, betraut, der diesen kleinen Bestand ans Hof­lager nach Passau brachte. Die Flucht dürfte auf dem Wasserweg, zugleich mit dem Reichstaxamt, spätestens am 9. Juli erfolgt und am 21. Juli Passau erreicht worden sein. Für die damit verbundenen Auslagen verrechnete Eisenmann zum Jahresende 155 Gulden 55 Kreuzer50). „Die Reichs Regi­stratur und andere Cantzley Acten, Schriften und Documenten“ verblieben aber in Wien und am 29. Juli, als General Dunnerwald nördlich Wiens in der Leopoldstadt Erfolge gegen die Türken erzielte, dachte man sogar daran, die „Reichs Acten“ und „Registraturen“ noch aus dem belagerten Wien herauszubringen51). Dazu kam es freilich nicht. Die Rückkehr der „Registratur“ der Reichshofkanzlei erfolgte erst am Ende des Jahres. Am 15. Dezember wurde dabei vorübergehend Aufenthalt in „Maria Trenk“ 52) genommen und eigens „Wachterlohn“ von 24 Kreuzer bezahlt. Die Gesamt­kosten des Rücktransportes der inzwischen angewachsenen Registratur beliefen sich, mit den in Passau und Schärding gemachten Ausgaben, auf 267 Gulden 45 Kreuzer53). Weitaus größere Maßnahmen als für die Reichsarchive wurden zur Flüchtung des „Oesterreichischen Archivs“ getroffen. Dieser Ausdruck scheint wohl auf das „Schatzgewölbearchiv“ hinzuweisen 54) und vielleicht auch noch auf die Registratur der Österreichischen Hofkanzlei55) und die Österreichische Geheime Staatsregistratur50). Der Reichshofkanzlist Bene­dikt Geiger unternahm aus Eifer und auf seine Kosten die Flüchtung die­ses Österreichischen Archivs mit dem Schiff nach Passau. Zur Seite stand ihm als kaiserlicher Kommissär der Registratursadjunkt der Hofkanzlei, Paul Anton Klueg von Grünenfeld. Der Transport dürfte nach dem 6. Juli 50) HHuStA., Reichstaxbuch von 1683, fol. 156 i’—157 r, 161 v. 51) Sturminger, n. 716, S. 406 u. 408. 52) Marchtrenk, vgl. Konrad Schiffmann, Historisches Ortsnamen-Lexikon d. Landes Oberösterreich, Bd. 2, Linz 1935, S. 161. 53) HHuStA., Reichstaxbuch von 1683 (Hauptbuch), fol. 66, n. 17. 54) Ludwig Bittner, Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staats­archivs, Bd. I., Wien 1936, S. 15* und Sturminger, n. 1405, S. 202. — Über den Bestand des Wiener Schatzgewölbearchivs dieser Zeit informiert uns die unter Leopold I. angelegte „Specification der Geheimen Schrifften so sich in der Kayserlichen Schatz Cammer befinden.“ Dieses Inventar verzeichnet in den Schubladen A bis H nebst den wichtigsten Urkunden und Akten des Erzhauses Österreich auch 24 kleine und große „Pettschaften“. HHuStA., Archivbehelf 338, vgl. L. Bittner, a. a. O., Bd. I., S. 227. 55) Diese Bestände sind 1927 im Wiener Justizpalast fast vollständig ver­brannt. Vgl. Jakob Seidl, Das Brandunglück im Staatsarchiv des Innern und der Justiz, in Archivalische Zeitschrift, Bd. 37, S. 184 ff. 50) Den Umfang dieser Bestände vermittelt uns das nach 1680 von dessen Registrator Johann Christoph Geist angelegte Stückverzeichnis in 8 großen Bänden. HHuStA., Archivbehelf 161, vgl. L. Bittner, a. a. O., Bd. I., S. 196 u. Otto Friedrich Winter, Der Bestand „Archivbehelfe“ des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs, in Mitteilungen des Österr. Staatsarchivs, Bd. 5, Wien 1952, S. 328.

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