Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
PILLICH, Walter: Die Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien im Jahre 1683
Fluchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien 145 1683 Wien verlassen haben87). Am ersten Abend wurde oberhalb von Greifenstein diesseits der Donau geankert. Geiger und Klueg gingen an Land erkunden und übernahmen zum Schutze der Schiffsladung selbst die zwei äußersten und gefährlichsten Wachen. Am nächsten Tag wurde nach kaum einstündiger Fahrt Tatarenalarm gegeben. In Kürze kamen auch wirklich Tataren mit bloßem Säbel geritten und versuchten, die Seile durchzuhauen, mit denen das Schiff am Ufer stromaufwärts von Pferden gezogen wurde. Ehe Geiger die Seile losmachen und das Schiff sich dem anderen Ufer zuwenden konnte, fielen die Schiffsrosse und eine nicht zum Transport gehörige Kutsche samt Pferden den Tataren zum Opfer. Das Schiff wurde noch mit harter Mühe durch mancherlei Gefahren die Donauauen entlang bis Krems gebracht. Auch während der weiteren Fahrt durch Oberösterreich mußte mehrmals das Ufer für die Schiffsrosse gewechselt werden, weil die Bauern Miene machten, das Schiff und seine Ladung zu plündern. Wieder war es Geiger, der die aufrührerischen Bauern besänftigte und hie- für auch Geld aus eigener Tasche opferte und dadurch Schiff und Ladung mit seiner geistlichen und weltlichen Begleitung unversehrt nach Linz und nach fast dreiwöchiger Fahrt auf dem Wasser, am 23. Juli 1683, nach Passau brachte88). Die Eückführung des Österreichischen Archivs nach der Befreiung Wiens scheint wohl auch im Zuge der Rückkehr des Hofstaates erfolgt zu sein. — Der Kaiser verlieh Geiger 1684 für seinen persönlichen Einsatz bei der Bergung des Archivs einen goldenen Gnadenpfennig mit seinem Bildnis. Ein Jahr später bat Geiger den Kaiser sogar um Adelsverleihung. In seinem Majestätsgesuch berief er sich auf die geschilderte Flüchtung des Archivs von Wien nach Passau. Darauf erhielten am 14. Juli 1685 Benedikt Geiger und dessen Bruder Johann Ludwig, der Zöllner des Erzbischofs von Mainz in Klingenberg war, den erbetenen rittermäßigen Adelsstand mit dem Prädikat „von Klingenberg“ von Kaiser Leopold I. verliehen59). Verhältnismäßig spät und als letzte Maßnahme dachte man auch an die Bergung der kaiserlichen Hofbibliothek. Drei Tage nach der Flucht des Hofes, am 10. Juli 1683 gegen 12 Uhr mittags, folgte von Wien aus der kaiserliche Bibliothekar Daniel Nessel mit einem Pferdegespann. Nessel sr) Geiger empfing noch am 6. Juli seine 2. Quartalsbesoldung in Wien. HHuStA., Reichstaxbuch von 1683, fol. 156 v. — Nach der sehr subjektiv gehaltenen Bittschrift Geigers von 1685 in eigener Sache wäre die Abreise am letzten Tag vor der Belagerung Wiens, also am 13. Juli erfolgt! Sturminger, n. 1405, S. 201. 88) Sturminger, n. 1405, S. 202. Die Meinung Renners (Sturminger, n. 2521, S. 227 u. 232) und Camesinas (Sturminger, n. 935, S. 8), — der übrigens die Abreise am 10. Juli festsetzt — der kaiserliche Schatz und das Österreichische Archiv seien zusammen durch Geiger gerettet worden, ist ohne Quellenangabe. — Sturminger, n. 2082, S. 222. 89) HHuStA., Reichsregister Leopold I., Bd. 24, fol. 124 v—135 v und Sturminger, n. 1405, S. 201 f. Mitteilungen, Band 10 10