Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

PILLICH, Walter: Die Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien im Jahre 1683

Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien 137 Graf Kaplirs zum Ausweis für die beiden Kronhüter, Stephan Graf Zichy d. Alt. und Christoph Graf Erdödy, aus. Diesem Auftrag haben sich die Kronhüter „auch gehorsamst submittirt“. Kaplirs reiste in Begleitung des Kronhüters Graf Erdödy und einer Bedeckung von 200 Reitern mit der Krone nach Wien. Am 5. Juli trafen die Kroninsignien in Wien ein und wurden sogleich in die Schatzkammer gebracht, wo sie der Kaiser persön­lich übernahm. Dabei hatte er am selben Tag den Revers für die Über­nahme der Stephanskrone unterzeichnet und sich darin verpflichtet, diese bei ruhigeren Zeiten wieder in die Residenz nach Preßburg überbringen zu lassen 3). In Wien schwankte schon seit Juni die Stimmung zwischen Sorglosigkeit und Angst vor den immer näher herankommenden Türken. Trotz dieser „ganz in der still“ 4 *) durchgeführten ersten Bergung der ungarischen Kroninsignien verstand es der Kaiser, durch seine persönliche Haltung und das Verbleiben seines Hofes in der Residenzstadt auf die Bevölkerung beruhigend einzuwirken. Gelegentlich der Heimkehr von der Jagd in Perch- toldsdorf äußerte er sich am 3. Juli zum Oberststallmeister, Ferdinand Bonaventura Graf Harrach, nachdem Hofkreise schon dauernd zur Abreise rieten, er wolle am 5. Juli im Geheimen Rat darüber „resolvieren“. Und am gleichen Tage, an dem der Kaiser die Stephanskrone in seine Obhut nahm, wurde die Abreise des Kaisei'hofes für den 8. Juli angesetzt6). Ganz unerwartet erschien am 7. Juli um 2 Uhr nachmittags, bevollmäch­tigt vom Herzog von Lothringen, der General Aeneas Caprara in der Resi­denz, um dem Kaiser zu berichten, daß der Herzog mit seiner Armee im Rückzug auf Wien begriffen sei. Der sogleich einberufene Geheime Rat beschloß noch am selben Tage eiligst die Flucht des Hofes am linken Donauufer nach Linz. Um 8 Uhr abends setzte sich ein langer Zug in Be­wegung8). Wenn wir der wohl schon länger vorbereiteten „Furn Lista“ Glauben schenken, bestand er aus dem Kaiser, der Kaiserin und Kaiserin­witwe mit 69 Kaleschen, 32 schweren Wagen und 391 Pferden und der „Jungen Herrschaft“ 7) mit 33 Kaleschen, 22 schweren Wagen und 203 Pferden8). Zur Bedeckung waren wieder die 200 Reiter, die die Ste­phanskrone nach Wien geleitet hatten, kommandiert und außerdem gaben 3) Haus-, Hof- und Staatsarchiv (= HHuStA.): Zeremonialprotokoll 1681 bis 1691, fol. 231 ff., Creditiv u. Revers: Zeremonialakten A, Karton 5; die Ankunft der ungarischen Kroninsignien nach Sturminger, n. 716, S. 382 f.; nach n. 2082, S. 212 f., am 6. Juli. Nach Sturminger, n. 1474, S. 214, verweigerten die beiden Kronhüter die Ausfolgung der Krone, siehe hiezu auch Sturminger, n. 2862, S. 263 u. a. 4) HHuStA., Zer. Prot., 1681—91, fol. 231 r. 6) Sturminger, n. 2082, S. 209 f. 8) HHuStA., Zer. Prot. 1681—91, fol. 79 ff., Sturminger, n. 2082, S. 211 f. ?) Erzherzog Josef, der spätere Kaiser, und Erzherzog Leopold, die Erz­herzoginnen Maria Antonia und Maria Elisabeth. 8) HHuStA., Zeremonialakten A, Karton 5.

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