Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
PILLICH, Walter: Die Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien im Jahre 1683
138 Walter Pillich noch 100 Mann der Stadtgarde das Geleite bis Korneuburg 9). Der Hof gelangte noch abends bis Korneuburg. Am 8. Juli wurde das Frühstück in Neustift bei Kirchberg am Wagram eingenommen und abends Krems erreicht. Weiter ging es am 9. Juli über Aggsbach nach Melk, wo im Stift ein Tag gerastet wurde. Der Wagenzug erreichte am 11. Juli über Neumarkt an der Ybbs Amstetten, am nächsten Tag Strengberg und Enns und am 13. Juli Ebelsberg und Linz als erstes Reiseziel. Von hier aus ging die Flüchtung auf dem Wasserweg nach Passau weiter. Hiezu waren, nach den bereits erwähnten Aufzeichnungen, für die beiden Majestäten 23 Schiffe und 2 Plätten und für die „Junge Herrschaft“ 15 Schiffe notwendig10). Am 15. Juli ging die Fahrt donauaufwärts bis nach Aschach, tags darauf nach Niederranna und Engelhartszell und am 17. Juli wurde Passau erreicht. Dort hielt sich der Kaiser mit seinem Hofstaat und den geflüchteten Kanzleien bis zum 25. August 1683 auf. Mit der Flüchtung des Hofes war auch die Bergung der ungarischen Kroninsignien verbunden. Der Kaiser führte die „Eißene Truhe“ mit den ungarischen Kroninsignien mit, die er während der Fahrt und bei seinem fast 7wöchigen Aufenthalt in Passau immer in seiner „Retirada“ n) aufbewahrte. Nach alter Gepflogenheit war hiebei der Kronhüter, Graf Erdody, steter Begleiter der Krone am Kaiserhof 12). Im Zuge des Entsatzes von Wien ging die Reise des Kaisers und damit wohl auch der Stephanskrone wieder donauabwärts. Am 25. August fuhr das Kaiserpaar von Passau nach Linz, das am selben Tag noch spät abends erreicht wurde. Nach 2wöchigem Aufenthalt fuhr Leopold I. von dort am 8. September mit dem Schiff weiter und erreichte am Abend des nächsten Tages Dürnstein in der Wachau, wo er auch am 12. September die Nachricht von dem Entsatz Wiens empfing. Am selben Tage wurde die Schiffsreise fortgesetzt, die Nacht bei Klosterneuburg am Wasser verbracht und am 14. September nachmittags Wien erreicht. Dort wurde die königliche ungarische Krone mit den anderen hiezu gehörigen „Kleinodien“ und „Ornamenten“ in der versiegelten eisernen Truhe fast 4 Jahre in der Schatzkammer verwahrti3). Noch im Dezember 1683 bat der Kronhüter, Graf Erdody, den Kaiser um die Liefergelder (= Reisediäten), täglich 15 Gulden, für die Zeit seiner Anwesenheit am Hoflager. Erdody gab an, er habe bei der Türkengefahr die Krone „hin und her salvirt“, Die Erledigung seines Ansuchens ver°) Sturminger, n. 2082, S. 212 f. 10) Die 23 Schiffe waren 1 Leibschiff, 3 Siebnerinnen und 19 Sechser; di« 15 Schiffe waren 1 Leibschiff, 1 Siebnerin und 12 Sechser mit 1 Anhangschifi. HHuStA., Zeremonialakten A, Karton 5. n) Privatgemach des Kaisers. 12) HHuStA., Zer. Prot., 1681—91, fol. 79 ff., u. fol. 231 ff. is) HHuStA., Zer. Prot., 1681—91, fol. 92vff., vgl. hiezu besonders Sturminger, n. 1964, S. 306—310.