Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
WAGNER, Hans: Die Briefsammlung Gauchez
Österreich 585 gerin. Ein besonders schönes Stück ist auch der Brief Stendhals an seinen Freund de Fiori aus Rom, in dem die römische Gesellschaft und das Kunstleben in Rom auf amüsante Weise charakterisiert werden87). Das Glanzstück der Sammlung bilden dreißig Briefe von Felicité-Robert de Lamennais. Sie reichen von 1816 bis 1851 und geben nach ihrem Inhalt einen guten Überblick über den Lebensweg des Vorkämpfers der Freiheit der Kirche und des Sozialismus. Die Korrespondenz beginnt mit einem Bericht vom 20. I. 1816 über die geistige Situation in Paris an den Vater, sowie der Mitteilung des Entschlusses, bei den Jesuiten einzutreten, an den Bruder Jean-Marie vom 16. I. desselben Jahres, mit einem Zusatz des Abbés Carron, des Beraters und Lehrers Felicité-Roberts. Schon am 25. VI. 1816 beklagt sich Lamennais seinem Bruder gegenüber, die geistliche Laufbahn eingeschlagen zu haben. Die Briefe der Zwanziger- und Dreißigerjahre zeigen ihn als Verfechter der Trennung von Kirche und Staat, berichten über seine Zeitung „L’Avenir“ und über seine wachsende Erbitterung über die sozialen Mißstände zur Zeit des Bürgerkönigs. Ein Schreiben im Namen der Redakteure des „L’Avenir“ an den Kardinal Pacca vom 27. II. 1831 liegt in einer eigenhändigen Abschrift von Lamennais vor. Einige Briefe sind im Gefängnis Sainte-Pélagie geschrieben37 38). Aus der Zeit der Revolution von 1848 berichtet ein Schreiben an den Wahlausschuß von Lyon voll überschwänglicher Begeisterung39), ebenso ein gemeinsamer Brief von Jean Reynaud und Béranger an Lamennais, worin er beschworen wird, die provisorische Regierung zu unterstützen und sich gegen die kommunistische Bewegung der Vorstädte zu wenden. Im letzten datierten Brief vom 12. VI. 1851 erklärt Lamennais die Gründe, die ihn dazu bewogen hatten, keine Memoiren zu schreiben. Jeder der dreißig Briefe ist von großem Interesse, alle sind auf Auktionen erworben und — soweit festgestellt werden konnte — bereits bekannt. Die Korrespondenz Le Ghait. Nur einige Worte sollen noch zu einem Zusatz zur Sammlung Gauchez, der Korrespondenz Le Ghait — im wesentlichen die des belgischen Gesandten in St. Petersburg, Washington und Paris, Albert Le Ghait — gesagt werden. Neben Briefen der belgischen Prinzessinnen Clémentine und Henriette vor allem an Madame Le Ghait enthält sie unter anderen zwei Schreiben des Kardinals Mercier an seine Cousine Julie Le Ghait, ferner Briefe von Angehörigen des Hauses Bonaparte, des Marschalls Lyautey und der Frauenrechtlerin Herzogin von Uzés. Viele der vorhandenen Autographen beziehen sich auf eine Matinéé, die der Gesandte 1907 37) Der Brief stammt aus der Sammlung Trémont, er ist gedruckt bei Stendhal, Correspondances, ed. H. Martineau, vol. 9, Paris 1934, S. 248. 38) 1841 I 5 an den Polizeipräfekten, 1841 I 16 an Béranger, 1841 V 22 an Mademoiselle de Luciniére. 39) 1848 XI 14: „A nous le monde des vivants, ä nous l’avenir, ä nous, enfants de Dieu, le royaume de Dieu annoncé par le Christ, il y a dix-huit siécles, a nous, par la liberté, l’égalité, la fraternité, la patrie que le peuple a nommée d’un nőm impérissable désormais, la république démocratique et sociale.“