Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
SPRUNCK, Alphonse: Vizekanzler Johann Philipp von Cobenzl und der belgische Aufstand von 1790 nach seinen Berichten an Kaunitz
J. Ph. v. Cobenzl u. d. béig. Aufstand v. 1790 nach seinen Berichten a. Kaunitz 51 Kongresses ihm überreicht hatte, während die Nationalversammlung eine Beratung darüber vertagt hätte5). Der Feldmarschall de Broglie, der gleich nach dem Bastillensturm nach Luxemburg geflüchtet war6), hatte Cobenzl am Morgen des 18. Dezember mitgeteilt, auf eine Beschwerde des Herzogs von Zweibrücken über Verletzung seiner Hoheitsrechte in französischem Gebiet habe Mirabeau geantwortet, in zwei Monaten gäbe es weder ein deutsches Reich noch Kurfürsten noch Grafen. Um passende Maßnahmen zu treffen, wollte Cobenzl am 19. einen Eilboten zu Trautt- mansdorf nach Namur senden, falls dieser noch dort weilte 7). Die Stadt Luxemburg wimmelte von Flüchtlingen aus Frankreich und Brabant, so- daß die Versorgung ihrer Märkte mit Lebensmitteln ungenügend war. Seinem nächsten Bericht an Kaunitz, den Cobenzl am 19. Dezember absandte, fügte er einen Auszug aus einem Brief aus Namur bei, der meldete, daß man dort für den Nachmittag des 17. die Besetzung durch die Rebellen erwartete. Die Provinz Luxemburg allein war noch in öster-- reichischem Besitz, aber der Vizekanzler rechnete mit ihrer baldigen Besetzung. Feldzeugmeister Bender, der seit dem 18. erkrankt war, hatte Cobenzl vorgeschlagen, die Truppen, die er in der Hauptstadt nicht unterbringen konnte, in einer Linie von Neufchäteau bis Wasserbillig aufzustellen und diese im Falle der Not enger um die Festung zu ziehen. Dort waren auch Soldaten im Franziskanerkloster und im Seminar untergebracht; die Vorräte an Lebensmitteln genügten nur für vier Wochen, doch plante Cobenzl, solche in aller Eile aus den kaiserlichen Domänen im Lande und den Ländereien der aufgehobenen Klöster in die Festung zu bringen, um deren Versorgung bis zum Frühjahr zu sichern. Die Bank Bethmann hatte Cobenzl schon 200.000 Gulden überwiesen mit der Bemerkung, sie könne ihm ohne Schwierigkeit noch 100.000 weitere verschaffen. Mit den Geldsummen aus den verschiedenen Kassen des Herzogtums Luxemburg waren alle Ausgaben für die Verteidigung der Festung bis zum März gesichert. Cobenzl schrieb am selben 19. Dezember an Trauttmansdorff, seine Anwesenheit in Luxemburg sei ganz überflüssig; dagegen forderte er Crumpipen auf, sofort dahin zu kommen, um die Leitung einer Art vorläufiger Regierung (jointe) von einer kleinen Zahl Mitglieder zu übernehmen. Der Vizekanzler wollte versuchen, mit den Rebellen Verhandlungen 5) Camille Desmoulins, ein Freund Robespierres, veröffentlichte seit dem 28. November 1789 eine Zeitung: Les Révolutions de France et de Brabant. 6) Victor-Francois, Herzog von Broglie, 1718—1804, hatte in allen Kriegen des 18. Jahrhunderts gekämpft. Als Vertreter des elsässischen Adels und Kriegsminister Ludwigs XVI. hatte er sich sehr verhaßt gemacht. Nach der Revolution trat er in englische und später in russische Dienste. In Luxemburg machte er Bender den Vorschlag, die fremden Regimenter, die Ludwig XVI. bald aus seiner Armee entlassen müßte, in kaiserliche Dienste zum Kampf gegen die Belgier zu nehmen. 1) In seinen Erinnerungen griff Cobenzl Trauttmansdorff und dessen Tätigkeit in den Niederlanden sehr scharf an. 4*