Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CHRISTOPH, Paul: Dokumente zu den Restaurationsversuchen des Königs Karl IV. von Ungarn

Dokumente zu den Restaurationsversuchen des Königs Karl IV. von Ungarn. Von Paul Christoph (Wien). Nach der Befreiung von Paris, in den Augusttagen 1944, wurden in einem Raume der Polizeipräfektur auf der Cité in Kisten Dossiers aus dem Privatbesitz des seinerzeitigen französischen Handelsattaches in Ungarn, Raoul Chélard, aufgefunden. Sie enthielten nach Arbeitsgebieten geordnet handschriftliche Aufzeichnungen, Zeitungsausschnitte und Kopien von Berichten, die mit der Maschine geschrieben worden waren. Auf der Präfektur wollte man sich dieses Materials entledigen, weil man es für völlig wertlos hielt und den ehemaligen Besitzer nicht ausfindig machen konnte. Aus welchem Grunde die deutsche Polizei während der deutschen Okkupation von Paris dieses Archivmaterial in die Präfektur hatte schaffen lassen und woher es gekommen war, wurde nicht auf­geklärt. Man nahm sieh wahrscheinlich während der hochgehenden Wogen der Begeisterung über die Befreiung und das siegreiche Vor­dringen der alliierten Armeen nicht die Zeit zur Nachforschung. Ein mit mir befreundeter Beamter rettete vor der Vernichtung einige Dos­siers und fragte mich, ob ich eines, das sich mit dem früheren Kaiser Karl befasse, an mich nehmen wolle. So kam dieses schmale Dossier in meinen Besitz. Es enthielt außer Zeitungsausschnitten mit Berichten über den zweimaligen Putschversuch Karls (März und Oktober 1921) vor allem Kopien der politischen Bulletins, die Raoul Chélard an seine Vorgesetzte Dienststelle geschickt hatte. Diese nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Bulletins behandeln die politischen Ereignisse der Monate Januar bis Juni 1921 und gewähren gewiß neuen Einblick in die Bemühungen Karls, den Thron in Ungarn wieder zu besteigen, und in die Widerstände, die ihn scheitern ließen. Manche dieser Bulletin-Kopien sind schwer lesbar, weil sie auf bei­den Seiten den Maschinendurchschlag aufweisen und sich die Schrift­zeichen vermischen. Alle Kopien sind natürlich in französischer Sprache abgefaßt und wurden von mir ins Deutsche übertragen, nachdem ich auch die schwierigen Stellen entziffert hatte1). Diese Bulletins führen uns nicht nur in das Intrigenspiel der führen­den Persönlichkeiten und Parteien ein, sondern zeigen uns auch den Ver- *) *) Das Dossier habe ich dem Österreichischen Staatsarchiv übergeben.

Next

/
Oldalképek
Tartalom