Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CHRISTOPH, Paul: Dokumente zu den Restaurationsversuchen des Königs Karl IV. von Ungarn

Dokumente zu den Restaurationsversuchen des König Karl IY. 529 fasser dieser Berichte als scharfblickenden und witzigen Beobachter. Ein handgeschriebener Artikel, betitelt „Le Roi et la bourse“ vom 26. X. 1921 befaßt sich mit den Auswirkungen des Restaurierungsver­suchs Karls im Oktober 1921 auf die Börse. Dieser Artikel ebenso wie ein größerer gedruckter Aufsatz mit dem Titel „Souvenirs sur l’agonie d’une monarchie“ und eine 20 Seiten starke historisch-geographische Studie Chélards über Ungarn lassen ihn als kenntnisreichen Schriftstel­ler und feinsinnigen Kritiker erscheinen. In einer Kopie finden wir die Mitteilung der Sekretärin Chélards über die Ankunft Karls in Györ (Oktober 1921) an den französischen Hochkommissär Fouchet. * * * Ein kurzer Abriß möge den Ablauf der historischen Ereignisse des Jahres 1921 veranschaulichen und Chélards Dokumente verständlicher machen. Kaiser Karl I. von Österreich — König Karl IV. von Ungarn — hatte im Jahre 1921 in Prangins (Schweiz) Aufenthalt genommen. Er hatte Österreich nach Abdankung im Jahre 1918, begleitet von seiner Familie, verlassen2). Am 12. November war in Österreich die Republik aus­gerufen worden. In Ungarn kam es ebenfalls zur Ausrufung der Repu­blik, dann zur Errichtung der Rätediktatur unter Béla Kun und schließ­lich zur Wiedererrichtung der Monarchie unter der Reichsverweserschaft des Admirals Nikolaus Horthy. Am Freitag, dem 25. März 1921, hatte Karl heimlich die Schweiz verlassen und war mit dem Pariser Zug in Wien eingetroffen, wo er unerkannt die Nacht bei dem Grafen Erdödy in der Landskrongasse verbrachte. Am Samstag verließ er im Kraftwagen Wien und traf um halb elf Uhr nachts in Szombathely (Steinamanger) ein. Während die Auslandspresse bereits von diesem Osterbesuch Karls unverbürgte Nachrichten brachte, blieb die ungarische Presse völlig stumm. Erst 2) Kaiser Karl I. (1887—1922) vermählte sich mit Zita v. Bourbon (geb. 1892) und regierte von 1916—1918. Er verzichtete zeitweise auf die Ausübung der Regierungsgeschäfte in Österreich mit Manifest 11. XI. 1918, in Ungarn mit Manifest v. 13. XI. 1918, wurde durch Gesetz v. 3. IV. 1919 seiner Herrscher­rechte und sonstigen Vorrechte in Österreich verlustig erklärt, samt den übrigen Mitgliedern seines Hauses des Landes verwiesen und auch in Ungarn (als König Karl IV.) durch Beschluß der Nationalversammlung v. 5. XI. 1921 samt dem Hause Habsburg des Thrones verlustig erklärt. Sohn des Erzherzogs Otto Franz Josef, des Bruders des 1914 ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand, war er ein Neffe des 1916 gestorbenen Kaisers Franz Josef I. Kaiser Karl I. starb am 1. IV. 1922 in Funchal auf Madeira (Genealogisches Handbuch des Adels 1951, Verlag von C. A. Starke, Gleichsburg, S. 90). „Es gelang ihm (dem Ministerpräsidenten Heinrich Lammasch), Kaiser Karl zur Abdankung zu be­wegen, in würdigster Form und ohne irgendwelche Zusammenstöße.“ (Heinrich Lammasch, von Hans Sperl, Neue österreichische Biographie 1923, Bd. I, S. 53). Mitteilungen, Band 9 34

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