Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

KRAMER, Hans: Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici von Trient während des ersten Weltkrieges. Nach neu gefundenen Akten

Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici von Trient 515 Klerus des deutschen Anteils und seine Gläubigen nicht vollständig ver­bittern wollte. Die Hirtenbriefe waren nämlich darin em Meisterstück, daß sie voll von versteckten Angriffen auf das österreichische Regime, voll von Anspielungen waren. Es wurde durch die Blume gesprochen. Da wurde vom Eremiten, dem hl. Romedius, von den Märtyrern der Diözese Trient geschrieben. Aber war nun nicht Endrici in Heiligenkreuz selbst ein Eremit, ein Märtyrer? Einmal war ausführlich vom Gotenkönig Alarich die Rede, von Beraubungen und Verwüstungen. Aber von demselben, dem Trentino zugefügten Schicksal war schon vor der Verbannung Endricis oft die Rede, wobei getan wurde, als ob so etwas nur von österreichischen Truppen ausgehen könne. Es wurde in Hirtenbriefen offen gesagt, daß die Kirche in der Diözese Trient der Freiheit beraubt sei, daß an ihr, der rechtlosen und beleidigten, Unrecht verübt werde, daß daraus große moralische Schäden erwachsen. Endrici wandte sich offen gegen den Deutschen Volkstag in Sterzing am 9. Mai 1918, auf dem allerdings in der Frage Welschtirols z. T. zu radikale Forderungen im Falle des Sieges der Mittelmächte gestellt worden sind, und gegen die dort gehal­tene Rede seines Untergebenen, des Pfarrers Johann Steck von Margreid, der unleugbare Mängel in der Verwaltung des Trentino und seiner Kirche angeprangert hatte. Anderseits verteidigte sich Endrici in seinen Hirten­briefen. Er sagte, daß er sich immer streng an die Lehren und Gesetze der Kirche gehalten und daß er seine Priester zu ehrbaren Bürgern erzogen habe. Die schärfste Haltung nahm auf der anderen Seite in dieser Frage das Heeresgruppenkommando des Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf in Tirol ein. Das Diözesanblatt — so wurde immer wieder von dort aus geschrieben — sei staatszersetzend. Es habe keinen günstigen Einfluß auf den Patriotismus der Gläubigen gerade im Operationsgebiet. Es komme einer gefährlichen Agitation gleich. Es könne letztlich die mili­tärischen Unternehmungen gefährden. Es klang natürlich in den Ohren mancher Generale nicht gut, wenn Endrici in seinen Hirtenbriefen gerade damals immer von der Notwendigkeit der Versöhnung und Verbrüderung unter den Völkern schrieb. Das Heeresgruppenkommando verhinderte nach Möglichkeit die Verbreitung des Diözesanblattes in seinem Opera­tionsgebiet. Es forderte von der Oberstaatsanwaltschaft und von dem Statthaltereipräsidium in Innsbruck die vollkommené Unterdrückung des Blattes. Eine andere Stellung nahm das genannte Präsidium ein. Man könne Endrici wegen der Stellen in seinen Hirtenbriefen noch nicht fassen. Der Bischof versäumte es allerdings immer absichtlich, seine Hirtenbriefe vor der Veröffentlichung der Tiroler Landesstelle zur Zensur vorzulegen. Er verging sich dabei gegen ein Gesetz vom Jahre 1874. Spät genug, erst am 10. Juni 1918, beschloß das Präsidium, von nun an darauf zu achten, 33*

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