Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

KRAMER, Hans: Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici von Trient während des ersten Weltkrieges. Nach neu gefundenen Akten

514 Hans Kramer bedeutenden Politiker und Abgeordneten des Partito Popolare in Trient, Dr. Guido de Gentili und Baldassare Delugan, die selbst Kleriker waren, und Dr. Enrico Conci kamen zur Feier. Die Domherren Flabbi und Tait sowie die deutschen Domherren fehlten; z. T. waren sie nicht ver­ständigt worden. Obwohl der 7. Juni ein Werktag war, sei der Dom während dieser Feier von Menschen gefüllt gewesen. Die Austriacanti bezeichneten das Ganze als verhüllte irredentistische Demonstration. Durch das Gebet für Endrici wollte man diesen schon als Märtyrer bezeichnen63). Pastoralkleriker des Trentino (z. B. des Bezirkes Tione) teilten in eigenen Briefen an Endrici nach Heiligenkreuz mit, daß sie für ihn beteten; sie drückten ihm ihr Mitleid aus. Die Schreiben wurden von der Zensur durchgelassen. Im April 1918 wurden unter der Pastoral- geistlichkeit des Trentino Unterschriften für eine Ergebenheits­adresse an Endrici anläßlich des bevorstehenden 15jährigen Bischofs­jubiläums gesammelt. Man wollte dadurch einen Druck auf die öster­reichischen Behörden ausüben, damit er nach Trient zurückkehren könne. Die Sache hatte nur einen halben Erfolg. Es wurden nicht sämtliche Geistliche des Trentino zur Teilnahme aufgefordert. Es wurden wohl die Austriacanti ausgelassen und nur diejenigen herangezogen, die eine ver­läßlich italienisch-nationale Gesinnung hatten. Ein Versuch in einzelnen Dekanaten des deutschen Anteils wurde sofort abgebrochen, weil man eine größtenteils ablehnende Haltung feststellen konnte. Zanolini berich­tet, daß Eccheli die Adresse mit Unterschriften eines Teiles der Geist­lichkeit des italienischen Anteils an Endrici sandte, wofür dieser herz­lich dankte. Es ging im September 1917 ein Gerücht herum, daß der Vikar Don Camillo Orsi von Aldeno berichtet habe, daß ein Bevoll­mächtigter des Papstes gegenüber Endrici das Wort des Papstes Gregors des Großen gebraucht habe: „Dilexisti justitiam et odisti iniquitatem, propterea es in exilio.“ Orsi wurde in keiner Weise verfolgt64). Eine besondere Streitfrage waren die Hirtenbriefe, die Endrici in Heiligenkreuz verfaßte. Sie kamen im Druck in einer italienischen und in einer deutschen Ausgabe heraus. Man bemerkte, daß die Hirtenbriefe in deutscher Übersetzung in politisch harmloserer, oft gekürzter Ausgabe erschienen, weil man den gut tirolisch und österreichisch gesinnten 63) Zanolini, S. 240. Präs.Ibk. an Hussarek v. 4. Juli 1918 (Geh. Präs. A.Ibk.). Präs, des Min. d. Inn. v. 21. Sept. 1918 (Aktennotiz, Allg.Verw.Arch.). Tiroler Statthalter Graf Meran an Cwiklinski (K.Min.) v. 4. Juli 1918 (Staatsarch.). 64) Fall von Tione: Geh.Präs.A.Ibk. Fall Orsi: BH. Rovereto an Präs.Ibk. v. 1. Okt. 1917 (Geh.Präs.A.Ibk.). Ergebenheitsadresse des Klerus des Trentino: Zanolini, S. 203 f. BH. Trient an Präs.Ibk. v. 14. Apr. 1918. Präs, an Cwiklinski v. 4. Juli 1918 (alles in Geh.Präs.A.Ibk.). Im Akt von 1917 ist von Gregor I. dem Großen die Rede (590—604). Ich kann nicht bestimmt sagen, ob das Wort nicht aus der Regierungszeit Gregors VII. (1073—1085) stammt.

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