Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)

44 Anna Coreth Marco berichtete von diesem langen, vier Monate andauerndem Auf­enthalt nachträglich an Kardinal Spada, er habe damals sein ganzes schwaches Wissen und Können für das Wohl des Kaisers, der Kirche und der Christenheit aufgewendet. Er habe stundenlang mit Sr. Majestät ge­sprochen und dem Kaiser die Wahrheit so klar vorgestellt, daß er glaube, noch niemand habe es in dieser Weise je getan. Die Wahrheit sei ja von den Höfen verbannt... 65). Tatsächlich ist es großenteils dem Pater zuzuschreiben, daß der Kon­flikt mit der Kurie durch Verhandlungen mit dem Nuntius beigelegt wer­den konnte. Über die Lage in Ungarn aber herrschte große Aufregung, nicht nur am Hofe sondern auch im Volke, das sich der Türkeninvasion des vorigen Jahrzehnts erinnerte. P. Marcus wurde es immer klarer: nur die Hand Gottes, nämlich ein wunderbares Eingreifen des Himmels kann noch Ret­tung bringen66). Er selbst bemüht sich aus allen Kräften, versucht Geld zur Bezahlung der Truppen aufzutreiben, bleibt ruhig inmitten der Kopflosig­keit 67), aber er baut jetzt vor allem auf das Gebet des Volkes. Bekanntlich hatte er den Kaiser, entgegen manchen Einwänden, veranlaßt, das im Jahre zuvor in Kalo in Ungarn tränenüberströmt gesehene Marienbild, Maria Pötsch genannt, nach Wien zu bringen, es zunächst bei sich persönlich zu verehren, es dann im Stefansdom eine Woche auszustellen, dabei zu Beichte und Generalkommunion aufzufordern, und schließlich das Bild in Prozessionen von Pfarre zu Pfarre tragen zu lassen. Unter Beteiligung des Hofes und einem ungeheuren Zustrom wurde diese Bußandacht durch­geführt 68) und es ist nicht zu verwundern, daß von den Zeitgenossen dies mit dem Faktum im Zusammenhang gesehen wurde, daß tatsächlich kurz darauf, am 11. September, in der Schlacht bei Zenta das kaiserliche Heer unter dem im April zum Oberbefehlshaber ernannten Prinzen Eugen von Savoyen den entscheidenden Sieg über die Türken davontrug und nun auch mit Frankreich Friedein geschlossen werden konnte. Hier ist einer jener Punkte in der Geschichte, an denen man die ungeheure Macht kon­66) Vgl. Heyret, Markus von Aviano (Biographie), S. 428. Brief vom 7. September. 66) ... lei conosera in che stato laccrimabile si trovi la povera Christianitä, che viene necesitä de miracoli per non soccomber ä qualque grave disastro. 18. Juli 1697 an P. Gabriel. 67) Heyret, ebenda, S. 427, mit Berufung auf Cosmo da Castelfranco, Vita del Rev. P. Marco Christofori d’Aviano, Predicatore della Provincia di Venezia (MS. im Kapuzinerkloster al Redentore in Venedig). 68) Ludwig Donin, Der Stephansdom und seine Geschichte, Wien 1873, S. 233; Alfred Misson, Heiliges Wien, Ein Führer durch Wiens Kirchen und Kapellen, Wien 1948; Heyret, Briefwechsel II, S. 429 ff. In St. Stefan hielt Marco d’Aviano die Festpredigt über die „Mater amicta sole et luna sub pedi­bus eius“ ; es gingen dann 33 Prozessionen von Kirche zu Kirche, wobei 126 Pre­digten gehalten wurden und 103 Hochämter der Hauptfeier folgten.

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