Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)
Unbekannte Briefe P. Marco d’Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen 43 nicht dort wünschten. Vor allem war es Kardinal Colloredo, der in den nächsten Jahren denselben Vorstoß versuchte, um den großen Prediger für die Oratorianer der Chiesa Nova zu gewinnen, doch immer umsonst. Denn man hatte den Einfluß der mächtigen Überzeugungsgabe des Paters gefürchtet, der sich bemüht hätte, größere päpstliche Hilfe für den Kaiser im Kriege gegen die Türken zu erlangen. Als nun, 1696, die neuerliche Frage an Marco herantrat, schlug er sie selber aus: unter dem jetzigen Papst war die Hoffnung nicht größer geworden, Alter und Krankheit fielen auch ins Gewicht und so entschloß sich P. Marco d’Aviano im Dom zu Padua in der nächsten Fastenzeit die Predigten zu halten, wissend, daß er die Hauptstadt der Christenheit niemals betreten werde. Die Verwicklungen im Osten schienen sich noch zuzuspitzen, die Rufe des Kaisers werden im Herbst energischer und dringender und nach einem schwierigen Briefwechsel mit der römischen Kurie 62) fügte sich der Kapuziner „in heiligem Gehorsam“ und unternahm im Frühjahr 1697 diese außerordentlich bedeutsame Wiener Reise, durch die in mehrfacher Hinsicht der Gang der Ereignisse wesentlich beeinflußt werden sollte. Wieder ging diesmal der Weg über Tirol, wo P. Gabriels Mutter in Klausen von dem Pater besucht wurde und von der er gute Nachrichten nach Spanien senden konnte 63). Kaum in Wien angekommen schreibt er seinem Mitbruder64 *), er habe hier reichliche Gelegenheit, Gutes zu wirken, da die ganze Christenheit auf dem Höhepunkt des Elends stehe, wie P. Gabriel ja wissen werde. Io m’affaticho per far del bene! Wir sind diesmal ziemlich genau unterrichtet, worin das Wirken des Paters bestand. Die Lage war allerdings höchst gefährlich und die Worte P. Marcos übertrieben nicht im geringsten. Denn der Mangel an Geld für das Heer war soweit gediehen, daß angesichts des Feindes in Ungarn eine offene Meuterei auszubrechen drohte. Päpstliche Subsidien waren nur in ganz geringem Maße zu erwarten: Papst Innozenz XII. war nicht weniger franzosenfreundlich als sein Vorgänger Alexander VIII. und gerade die Spannung, die zwischen Papst und Kaiser aus Ursache der Reichslehen in Italien eingetreten war, nahm dem Kaiser restlos den Rückhalt, den er unter Papst Innozenz XI. bei der Türkenbelagerung Wiens besessen hatte. Im Westen war der Krieg mit Frankreich noch nicht beendet und trotz der vorjährigen Hoffnungen mußte man anscheinend damit rechnen, daß die spanische Linie der Habsburger aussterben werde. Wie würde sich Frankreich, wie das spanische Königspaar und die Staatsmänner, wie auch die anderen europäischen Mächte verhalten. 62) Heyret, Briefwechsel II, S. 426 f. 63) Brief vom 8. Mai 1697. 64) Ebenda. P. Marco war Mitte April abgereist und anfangs März eingetroffen.