Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)

36 Anna Coreth auch in Flandern und Piemont. Vor allem konnte Belgrad nicht zurück­gewonnen werden. Der Wiener Hof aber ist von Dunkelheit beherrscht: Nel resto, lautet am 11. September 1693 dem Ordensbruder gegenüber die Klage, la corte di Vienna tutta é regulata dalle tenebre et qui ambulat83) in tenebris, nes(c)it quo vadit. Gran cose ä bona potrei dire alia P.S.Rev.nu. ehe ne restarebbe attonita e stupefata, ma con tanto che le tenebre haveranno l’alto dominio et assoluto, mai v’entrera la luce. Le finezze, sagacitä et astutie humane si vederano nel giorno del giuditio. Der verlorene Feldzug ist die natürliche Folge, so daß der Pater am 16. November schreiben muß: der Feldzug ist vorüber, elend nach allen Seiten hin für den, der den Schaden trägt; es ist nicht zu verwundern bei der Sündhaftigkeit der Christen, und da man im Dunkel leben will und nicht trachtet, herauszutreten und das wahre Licht zu suchen, wird man immer über dem Abgrund schweben. Doch da lauert eine andere Gefahr, die nicht schuldhaft heraufbeschwo­ren, in den Briefen an P. Gabriel als Sorge immer wiederkehrt: die spanischeErbfolge. Während ganz Europa ängstlich und erwartungs­voll nach Spanien blickt, wo ein kranker erbenloser König und eine wegen der Kinderlosigkeit unpopuläre Königin auf dem Throne sitzen, während verschiedene Thronanwärter vorgeschlagen werden und die auswärtigen Mächte ihre Emissäre auf spanischem Boden werben lassen, indes hinter den Kulissen ein heißer diplomatischer Kampf ausgetragen wird, betet man in den spanischen Klöstern flehentlich um einen Thronerben. Auch P. Mar­co, dem die kritische Situation Europas vor Augen ist, wird nicht müde, die Königin beinahe schon entgegen aller natürlichen Hoffnung auf die Kraft des Gebetes hinzuweisen und auf diese Weise aufzurichten. So schreibt er am 2. Oktober 1692 ihrem Beichtvater: Dio ... li conceda un Principino per bene e consolatione di tutta la Christianitä ... oder ein Jahr darauf versichert er, es läge ihm so sehr am Herzen, die Königin getröstet zu sehen, daß er zu sagen wage, er wünsche ein solches Glück mehr als sie selbst wegen der höchst wichtigen Folgen für die ganze Christenheit; daher vergesse er niemals, vor der Göttlichen Majestät darum zu flehen* 36). Kurz darauf berichtet der Pater, daß er vor einigen Tagen in der Antoniuskirche zu Padua während der hl. Messe, als der Priester die Hostie erhob, Gott auf Fürbitte des Hl. Antonius inständig gebeten habe, er wolle die Königin nicht ohne Erben lassen; dies wäre der Ruin der armen Christenheit! Er wolle dies täglich wiederholen. Auch hat er es sich zur Gewohnheit ge­macht, bei den Adventpredigten seine Zuhörer in dieser Meinung beten zu lassen37). Nun gibt es keinen Brief mehr ohne Erwähnung dieses An­liegens. 33) Fälschlich „ambulant“. 36) Brief vom 11. September 1693. 37) Brief vom 16. November 1693.

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