Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)

Unbekannte Briefe P. Marco d’Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen 37 Was geben nun aber die Briefe für ein Bild von Marco d’Aviano selbst? Er ist uns bisher als älterer, kränklicher Mann entgegengetreten, der von Strapazen, Intriguen und Enttäuschungen, die sein Wirken bei Armee und Hof mit sich gebracht hatten, müde geworden war und sich nach Ruhe sehnte. Des öffentlichen Lebens ist er überdrüssig geworden. Es macht den Leser staunen, in welch düsteren Farben „die Welt“ von ihm gemalt wird, während ihr gegenüber das Ideal stiller Zurückgezogenheit als einzig erstrebenswert erscheint. Dies geschieht in jedem einzelnen Brief von Neuem, ja man kann sagen, dieser Kontrast macht den wesentlichen Inhalt der Briefe aus. Er ist gewissermaßen der Refrain auf alles, was berichtet und erwähnt wird, so daß die Annahme naheläge, es handle sich um eine fromme Redensart, wie sie in Klosterbriefen üblich war. Ganz gewiß spielt eine solche Gewohnheit hier mit, doch liegt eine derartige Intensität in den Worten, sie nehmen einen so gewichtigen Platz ein und es steht sosehr die eigene Persönlichkeit mit ihrem Sehnen, Leiden und Hoffen dahinter, daß es abwegig wäre, hier an Phrasen zu denken. Mögen auch Alter, Krankheit und Enttäuschungen mitgewirkt haben diese Einstellung hervorzurufein, so wäre es doch unrichtig, jene Stellen rein im Sinne der Resignation zu deuten und nicht die Tatsache zu berück­sichtigen, daß Marco d’Aviano das Leben eines Mystikers führte, des­sen volle Aufgabe es nunmehr war, sich dem beschaulichen Gebet mit all seinen Höhen und Tiefen zu überlassen. Auf dieser Folie erscheint nun die Welt umso brüchiger, ihre Denkungsart umso flacher; und trotzdem bleibt das große Interesse an ihrem Schicksal bestehen. Marco ist also, nach seinem Brief an P. Gabriel vom 2. Oktober 1692, in seiner Klosterfamilie in Vicenza ganz in Ruhe zurückgezogen und lebt in großem Frieden des Herzens 38); er will so verweilen, ohne mehr irgend­etwas von dieser Welt zu genießen. Er will, wie er am achten des Monats schreibt, ganz für Gott leben und sich auf den letzten Schritt vorbereiten, da auch er, wie er meint, sehr fähig wäre, das verdorbene Weltleben voller Gefahren und Falschheit zu führen, und da es am besten sei, ihm zu ent­fliehen und sich Gott ganz hinzugeben. Aber auch dieses Leben ist nicht ohne Kämpfe: schon am 2. November heißt es, der Dämon versäume es nicht, ihm den geistigen Frieden zu stören und die Mitbrüder (fratelli domestici) hielten ihn bei ständiger Tugendübung der Geduld und in fortgesetzter Unruhe* 39). Aber er vertraue auf die Hilfe Gottes, die ihn jeden größeren Zwischenfall überwinden lassen 38) passo al tutto retirato in quiete et gran consolatione del mio core. 39) Io sto nella mia solitudine et il demonio non mancha d’insidiarmi la pace dell’animo e li fratelli domestici mi fanno star in continuo esercitio di virtü et di pacienza et sto in un continuo all’arma. Ma confedo nell’aiuto di Dio et divina assistenza che mi farä superare ogni piü grave incontro et mi darä gratia d’amarlo e servirlo di sincero corde.

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