Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)
Unbekannte Briefe P. Marco d’Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen 33 es in einem Brief vom 28. Dezember ergänzend heißt, solange das ganze Interesse auf Zerstörung gerichtet sei; das werde der Ruin der Christenheit sein. Maria Anna ist nun bereit zu verzichten25). In diesem Jahre 1693 hatte selbst der Kaiser seinem Berater erlassen, nach Wien zu reisen, denn, wie aus dessen Brief an P. Pontifeser vom 1. April, der jenen an die Königin begleitet, hervorgeht, ist P. Marcus jetzt tatsächlich sehr entkräftet, teils durch sein Alter, damals schon ein Grei- senalter, teils durch die andauernden Strapazen26). Er hat in diesem Jahre in der Fastenzeit zwei Predigten täglich gehalten und man weiß aus zahlreichen Berichten, welch ungeheure Menschenmassen ihm zuströmten, welche Bekehrungs- und Wunderkraft von seiner Segnung ausstrahlte und mit welchen Mühen dies verbunden war. Außerdem hatte er in der Karwoche die 40-Stundenpredigten in der Frauenklosterkirche zu St. Lorenzo in Venedig zu halten. Mi son affaticato per bene dell’anime, e Dio faccia sii riuscito con profitto alia gloria Sua, heißt es in einem Schreiben an Kaiser Leopold27). Zu Ostern wird wieder Padua als ständiger Aufenthaltsort genommen. Neben Alter und Beschwerden als Gründe seines Rückzuges aus der Öffentlichkeit steht jedoch auch das oben berührte, oft wiederholte Motiv des Nichtsleistenkönnens in einer Welt, in der andere Methoden und Maßstäbe regieren, in der seine Worte nicht durchdringen, einer Welt, die dem Untergang geweiht scheint, da sie gar keine Anzeichen gibt, sich bessern zu wollen. Dieses Grauen neben Enttäuschung und Sorge zieht sich wie ein roter Faden durch die Briefe hindurch. Am 28. Dezember 1692 etwa liest man das Bekenntnis: Son inimicissimo della politica et adulatione et queste hanno 1’altissimo dominio nelle corti; das schlichte Lamm gerät in einen Bienenschwarm und wird je länger je sicherer zerbissen28). Ehe er sich vom kaiserlichen Hof für ständig beurlaubte, habe er unverhohlen die Wahrheit gesagt, doch ohne Erfolg. Poi, Padre Gabriele carissimo, ruft er am 27. April 1693 wieder aus, se li parlassi, che gran cose potrei dire; in due parolié posso dirié, che sta male la povera Christianity per politica raffinata in estremo e l’interesse sonno arivate all estremo, coperte con il manto di pietä et di devotione. Ne vi vedo (?) altro remedio, che la mano omnipotente di Dio, et certo che viene desiderata la morte in chi le vede et conosse. 2ä) Der Brief der Königin an P. Marcus vom 12. Februar 1693 ist erhalten und bekannt. Gen.-Postul.-Archiv, Rom, Vol. F. 3, III, Nr. 3; zit. nach Heyret, Briefwechsel IV, S. 152, 214. 26) Vgl. auch den Brief an P. Gabriel vom 27. April 1693. 27) Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Familienkorrespondenz A, Kart. 12; ed. Onno Klopp, S. 237, Nr. 257; vgl. Heyret, Briefwechsel II, S. 338 f. 28) II semplice ag(n)iello se stara fra li branchi de api, stara male e sara devorato lontano e piü lontano piü sicuro. Unter politica ist nicht die Politik schlechthin gemeint, sondern eigensüchtige politische Umtriebe. Mitteilungen, Band 9 3