Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)

34 Anna Coreth Es gibt, so liest man in dem Briefe vom 11. Juli desselben Jahres, das Sprichwort: Vesuvius dat intellectum, aber wenn mit dem Unglück keine Besserung eintritt, dann kann man immer noch Schlechteres erwarten, wozu schon alles am Werk ist. Böse Welt und schlechtes Leben und, wenn es so weiter geht, wie es vorbereitet wird, — arme Christenheit!29). Diese Ausrufe des Bußpredigers sind gewiß mehrsinnig gemeint. Sie gelten sicherlich allgemein für das Leben der Weltmenschen und sollen P. Gabriel davor warnen, sich durch den Leichtsinn und die irrigen Auf­fassungen, die an den Höfen herrschen, blenden zu lassen. Diese Tendenz ist wohl durchgängig in den Briefen zu spüren und man könnte für den „Wiener Hof“ zumeist ebenso auch den spanischen Hof verstehen. Jedoch ist hier zunächst die ganz konkrete politische Lage gemeint, wie dies aus den Briefen Marcos an den Kaiser hervorgeht. Seit 1689 steht dieser im Zweifrontenkrieg, denn der „allerchristlichste König“ war dem Kaiser mitten während des großen Vorstoßes gegen Südosten in den Rücken gefallen, hatte seine Operationen am Rhein begonnen, hatte den Türken ermöglicht, das eben erst blutig verlorene Belgrad wieder zu erobern (1690). Die Lage war tatsächlich schwierig und gefährlich, man hatte sich daher sogar entschlossen, das Bündnis mit dem protestantischen Wilhelm von Oranien gegen die katholischen Stuarts einzugehen. Aber die Gefahren wirkten auch von innen her und der gut eingeweihte Pater meint zu wissen, daß feindliche Parteigänger am Hofe Leopolds, ja in dessen unmittelbarer Nähe arbeiteten. Man darf nicht vergessen, daß jene habsburgfeindliche Richtung in Ungarn, die 1666 in der Magnatenverschwörung zu Tage getreten war, unter der Decke weiter bestand, und jeder antikaiserlichen Propaganda, sei es von der Türkei oder von Frankreich her, zugänglich war. Französi­scher Einfluß hatte aber auch schon vor zwei Jahren zu verhindern ge­sucht, daß ein günstiger Friede mit den Türken zustande käme: Marco d’Aviano hatte dies ein größeres Unrecht genannt, als wenn man etwas unschuldigen Kindlein zugefügt hätte30). Und später, am 5. September 20) E il proverbio, che Vesuvio (sic) dat intellectum, ma non ne ricevendo con le disdete alcun miglioramento, si puo temere senpre di peggio, se gia si vede il tutto in pratica. Cativo mondo et pessimo vivere e se seguitera, come sonno li apparati, — povero il Christianesimo. 30) Brief an Kaiser Leopold vom 17. August 1691, Klopp, S. 215, Nr. 235; (irrtümlich 27. August), Heyret, Briefwechsel II, S. 326 f. Schon hatte zwar Frankreich infolge der großen Vorstöße der Kaiserlichen in Ungarn in den 80er Jahren unter den deutschen Fürsten wesentlich an An­hängerschaft verloren, — jedoch suchte es ohne Unterlaß weiter seinen Ein­fluß wirken zu lassen, etwa auf Max Emanuel, den ehrgeizigen Churfürsten von Bayern, der im Dienste des Kaisers den Türkenkrieg von 1689 führte und die siegreiche Schlacht von Belgrad befehligte, aber die schwankende Haltung immer noch nicht aufgegeben hatte. Wie ich andeutete, war auch die Neuburg- sche Partei anfällig; P. Marco hat aber vielleicht Gerüchte über die von

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