Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)
32 Anna Coreth In den erwähnten Ratschlägen an den jüngeren Mitbruder ist aber auch vieles angedeutet, was Marco d’Aviano in seiner politischen Tätigkeit erlebt hatte, ohne daß darüber Aufzeichnungen vorhanden wären. Aus seinen Erfahrungen mit dem frommen aber allzuschwachen Kaiser Leopold schrieb er die bezeichnenden Worte: Li monarchi sonno pijssimi et di rettissima mente et santa intentione et credono caminar bene et esser guidati sin- ceramente, onde anco sonno conpatibili; ma l’interesse et politica nelli altri guasta ogni bene e la veritä pure e sincera non é conosciuta23). Kaum hatte sich Marcus in der Stille von Vicenza niedergelassen, als schon versucht wurde, ihn wieder an die Öffentlichkeit zu ziehen, und zwar war es die Königin Maria Anna, die nun auch ihn neben P. Gabriel an ihren Hof rufen wollte. Die Absicht, den großen Bußprediger nach Spanien zu berufen, reichte allerdings mehr als ein Jahrzehnt zurück und schon 1681 hatte man ihm als Missionsgebiete Frankreich, Flandern und Spanien zugewiesen. Doch gleich der erste Versuch, den Fuß auf französischen Boden zu setzen, hatte mit der Ausweisung durch Ludwig XIV. geendet, und dadurch wurde auch der Spanienplan hinfällig. Im folgenden Jahre 1682 hatte der Kapuziner zwar noch einen Besuch beim französischen Botschafter in Wien Marquis de Sébeville gewagt und den König fragen lassen, ob eine Durchreise nach Spanien ihm bewilligt würde. Ludwig aber wies ab; er halte es nicht für angezeigt, P. Marcus in sein Reich zu lassen. Da dieser aber die Meerfahrt seiner Gesundheit wegen nicht riskieren konnte, unterblieb auch diesmal die Reise24). Jetzt aber, nach zehn Jahren, tauchte der Plan wieder auf und, wie aus einem Brief P. Marcos an Gabriel von Klausen vom 8. Oktober 1692 hervorgeht, hatte dieser im Aufträge der Königin eine diesbezügliche Anfrage an Marco d’Aviano durch dessen Begleiter, P. Cosmo von Castelfranco, stellen lassen. Die Reaktion war aber jetzt ein dezidiertes Nein: ... che sonno di assolutamente non poter venire per molte cause: zunächst, so führte Marco aus, wegen des französischen Königs, der die Reise nicht dulde; dann aber auch, weil er sich ganz zurückziehen wolle. Anscheinend hat sich die Königin mit dieser Antwort nicht gleich abgefunden und ihm durch P. Cosmo die Gründer mitteilen lassen, warum sie seine Anwesenheit so sehr erwünsche. Gott wisse, antwortete Marcus am 19. November, wie gern er die so würdigen Monarchen zufriedenstellen möchte, aber er könne es nicht tun wegen seines Alters von 62 Jahren und wegen anderer wichtiger Dinge. Er sähe auch an den Höfen keine Möglichkeit, irgendetwas Gutes zu wirken, solange man so verrannt sei, und, wie 23) Brief vom 11. September 1693. 24) Brief an Kardinal Cybo vom 14. Juli 1682; vgl. Heyret, P. Marcus von Aviano (Biographie), S. 208, die ganze Frage wird ebendort S. 203—210 behandelt.