Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
MARX, Julius: Die amtlichen Verbotslisten. Zur Geschichte der vormärzlichen Zensur in Österreich
Die amtlichen Verbotslisten. Zur Geschichte der vormärzlichen Zensur in Österreich. Von Julius Marx (Wien). Über die vormärzliche Zensur in Österreich ist schon sehr viel gesagt worden, selten aber auf Grund der erhaltenen Akten. Zu den Anschuldigungen, die meistens auf den Aussagen Betroffener beruhen, schien aber die feine Kulturblüte des Biedermeiers in Widerspruch zu stehen. Und doch ist in dieser Zeit das böse Wort vom „europäischen China“ von den eigenen Schriftstellern übernommen worden* 1), es hat die öffentliche Meinung allzulange über das Ende dieses Zeitabschnittes hinaus beeinflußt und einer gerechten Beurteilung entgegengewirkt. Die Geringschätzung Österreichs, die sich im übrigen Deutschland damals herausbildete und heute noch immer nachwirkt, war durch nichts begründet, die Verhältnisse im Reich, etwa in Preußen, waren um nichts besser. Es ist ein grober Fehler, einen Vergleich zwischen der Kultur des deutschen Volkes und der der österreichischen Völkerfamilie in ihrer Gesamtheit, sozusagen einer österreichischen Durchschnittskultur, zu ziehen, vor allem schon deshalb verfehlt, weil der Großteil der nichtdeutschen Länder des Kaiserstaates dem Deutschen Bunde gar nicht angehörte, übrigens war auch nicht alles unterwertig, was auswärts stand, es sei nur an die Italiener erinnert; die Märchen von der kulturellen Rückständigkeit, in der Österreich sie gehalten habe, sind heute längst aufgegeben. Den unbezweifelbaren Aufschwung, den unser Geistesleben damals nahm, hat H. v. S r b i k in seinem großartigen Mettemichbuche dem Kanzler gutgeschrieben, zumindestens seinem Gewährenlassen zugute gehalten. Ausnahmen gab er freilich für jene Dinge zu, die dem System des Fürsten zuwiderliefen, also vor allem bei politischen oder geschichtlichen Stoffen, allerdings nicht ohne die mit den Verboten oder Beschränkungen verbundenen Plackereien der engherzigen Auslegung der Polizei, insonder1) „O esterreich und dessen Zukunf t.“ 1. Aufl., Leipzig 1843, S. 124f. — Nach A. Stern, Geschichte Europas ... von 1815 bis ... 1871; I. Bd., Berlin 1894, S. 587, stammt der Ausdruck aus Ludwig Börnes „Schüchternen Bemerkungen über Österreich und Preußen“ (1818); doch findet er sich schon im Briefwechsel Goethes mit Marianne von Eybenberg; vgl. A. Sauer, Goethe und Österreich, 2 Teile, Weimar 1902 und 1904, Schriften der Goethe- Gesellschaft (17. u. 18. Bd.); II., S. 119 (Brief vom 18. Dez. 1800): „in Rücksicht der neuesten Litteratur leben wir ziemlich hier als wären wir in China, !!!—!!—!—“ und Goethe sagt einmal (1823, II., S. LXXXVI) „stationär wie in China.“ —