Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

BAXA, Jakob: Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815–1824

146 Jakob Baxa p. p. wird beauftragt, und so fort in der dritten Person, damit sich die Leute wieder an den Befehlston gewöhnen, worauf mehr ankommt. Der wahre Geburtsadel, der nur durch Primogenitur und dadurch fortleben kann, daß das Geburtsrecht niemals auf Frauen übergeht wie in England, hat keinen größeren Feind als das Kasten- und Ahnenwesen, welches nur die Barbarei der bas siécles erfunden hat, und wonach es darauf hinaus­kommen würde, daß der Kaiser von Österreich selbst (wegen seiner Loth- ringschen Vorfahren) keinen reinen Stammbaum aufzuweisen hätte. Gott bewahre den vortrefflichen Herrn von Voß vor dieser schweren Verirrung!“ Die „beklagenswürdige Krankheit“ des Ministers führte zu seinem jähen Ende. Als Adam Müller diesen Bericht an Herzog Ferdinand schrieb, war Graf Voß schon tot. Große Hoffnungen sanken damit für Adam Müller ins Grab 10). In seinem Bericht vom 15. Januar 1824 kommt Adam Müller auf den in Berlin zusammentretenden Landtag zu sprechen: „Der wirkliche Erfolg der Wahlen, von denen ich Euer Durchlaucht den mir zugekommenen Extrakt vorlege, wiewohl Höchstdieselben bereits auf anderen Wegen davon informiert sein möchten, scheint ziemlich erwünscht; nur auf der Pommer- schen Liste zeigen sich einige Namen, die mir aus früheren Zeiten her etwas aufklärerisch und unheimlich klingen. Jedoch diese Männer können sich gebessert haben.“ Im gleichen Bericht erwähnt Adam Müller auch den Turnvater Jahn. Dieser wurde am 14. Juli 1819 als Demagoge verhaftet, zuerst nach Spandau, dann nach Küstrin geschafft, 1820 vor eine Immediatkommission in Berlin gestellt und bis zur Entscheidung als Gefangener auf der Festung Kolberg gehalten. Im Jahre 1824 wurde er zu einer zweijährigen Festungs­strafe verurteilt, wozu Adam Müller bemerkt: „Das zu Breslau gesprochene Urteil über Jahn (zweijähriger Arrest ohne Anrechnung des früheren Gefängnisses) finde ich sehr hart. Gewiß ist es, daß sich Herr von Kamptz und Konsorten in der Form und Einleitung dieser und ähnlicher Unter­suchungen großer, wenn auch nicht diesseitiger, doch gewiß jenseitiger Verantwortung aussetzen. Wenn man so schlecht in den wahrhaften Lehren der Ordnung bewandert, und so leidenschaftlich ist als Herr v. Kamptz, so tut man doppelt Unrecht, sich mit einigen obskuren Zensoren zu Richtern der Geister und des Verborgenen im menschlichen Herzen aufzuwerfen. io) Treitschke, 3. Bd., S. 361: „Nach dem Abscheiden des Staatskanzlers glaubte die altständische Partei auf lange hinaus der Herrschaft sicher zu sein, da sein Vertreter, Minister v. Voss-Buch, wie zu erwarten stand, mit der Leitung der Geschäfte betraut wurde. Aber der greise Führer der Feudalen folgte seinem Gegner schon nach wenigen Wochen ins Gi'ab (Jan. 1823).“ Man vgl. ferner: Paul Hassel, Joseph Maria v. Radowitz, Berlin 1905, S. 188. Radowitz war eng- befreundet mit Karl v. Voss, dem Sohn des Ministers, so wie Adam Müller, und hatte eine Gräfin Marie Voss zur Frau, Tochter des Grafen August Ernst v. Voss, seit 1827 preußischer Gesandter in Neapel und gleichfalls mit Adam Müller befreundet.

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