Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

BAXA, Jakob: Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815–1824

Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815—1824 147 Vergeben Euer Durchlaucht diesen Ausdruck eines gerechten Unwillens über die Entstellung der heiligen Sache der Autorität“ n). Ein Jahr später wurde Jahn wieder freigelassen. Die beiden letzten Berichte Adam Müllers handeln von der morganati­schen Ehe des preußischen Königs und von der Aufnahme dieses Ereig­nisses durch die öffentliche Meinung. Friedrich Wilhelm III. vermählte sich am 9. November 1824 in Charlottenburg mit der jugendlichen Gräfin Auguste von Harrach, die er in Teplitz kennengelernt hatte und später zur Fürstin von Liegnitz erhob. Am 17. November 1824 schreibt Adam Müller seinem Freund Freiherrn von Stemegg, Oberhofmeister des Herzogs Fer­dinand von Anhalt-Köthen: „Die Vermählung des Königs wird allerdings wohl das Interieur des Hofes sehr verändern. Bewunderungswürdig ist das beobachtete Geheimnis. Die Dresdener Polizei wird einen Schreck ge­habt haben zu vernehmen, daß der König in Person bei Jordan11 12) gewesen, und mit ihm aufs Land gefahren, um mit den Ältern die Ehepakten abzu­schließen. Einer meiner jungen Freunde H. v. Broitzem, der sich mit der Gräfin Auguste (seiner Cousine) versprochen glaubte, und so versunken in sie gewesen zu sein scheint, daß er vor Bäumen den Wald nicht gesehn, ist tief herabgestürzt aus seinem Himmel. Dann die mancherlei Sürprisen, die es in Berlin gegeben hat, als sie nach der Trauung, bei der niemand als der Prinz Carl von Mecklenb. zugegen war, in das Berliner Wirtshaus zu ihren Eltern zurückkehrte. Das aber scheint mir gewiß, daß eine Familieneinheit wie bisher am Königlichen Hofe mit dieser geringen und jungen Stiefmutter nicht möglich ist. Der Köng wird sich absondem, und nach seiner Art zu sein, ist die Kluft von da zur Resignation, von der man schon früher, wie von Ankauf in Teplitz sprach, nicht allzuweit. — Die Bank13) scheint beschlossen: 50 bis 80 Millionen in der Zirkulation werden für den Anfang einen brillanten Effekt machen; aber — aprés nous le deluge. Gott stehe dem teuern Preußen bei und erleuchte den Kronprinz!“ In ähnlichem Sinn berichtet Adam Müller am 30. November 1824 an Herzog Ferdinand: „Das Gemüt des Kronprinzen, welches schon fromme Richtungen genug empfangen, wird durch diese Prüfung und durch die vielfältigen Übungen in liebevollem Gehorsame noch mehr veredelt, und da das vierte Gebot, unter allen Geboten allein eine sichre und unwandelbare 11) Über Kamptz vgl. man Karl Gutzkows Erinnerungen „Aus der Knaben­zeit“ und insbesondere „Das Kastanienwäldchen in Berlin“ (1860) (Ausgew. Werke, herausgegeben von H. H. Houben, Leipzig o. J„ 12. Bd.), ferner: „Der Lebensroman des Wit von Döring“. Nach seinen Memoiren bearbeitet von H. H. Houben, Leipzig 1912, S. 404 ff. 13) Preußischer Gesandter am Sächsischen Hofe. Vgl. Heinrich Heine, Briefe aus Berlin 1822. (Sämtl. Werke, herausgegeben von Oskar Walzel, 5. Bd., Leip­zig 1914, S. 248), Treitschke, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, passim; Baxa, Adam Müller, S. 384 ff. 13) Die aus der alten 1765 gegründeten Seehandlung hervorgegangene Preußische Bank. 10*

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