Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
BAXA, Jakob: Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815–1824
Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815—1824 145 jetzt werde es bei den durch die Jahrhunderte geheiligten Landständen bleiben. In einem Bericht vom 30. Januar 1823 an Herzog Ferdinand hebt Adam Müller das „ganz spezielle, geheime Einvernehmen“ zwischen Fürst Metternich und dem preußischen Polizeiminister Fürsten Wittgenstein hervor, tadelt aber an Graf Bernstorff, dem Staatsminister der Auswärtigen Angelegenheiten, „dessen absolute Nullität und Hingebung in die Hände der ärgsten RevQlutionäre“. „Genug, so viel ist gewiß, daß die Sache der Preußischen Restauration und Wittgensteins in Wien sehr hoch und gut stehet. Möchte sie sich auch nur in Preußen mit der Gesundheit des Herrn von Voß befestigen. Lottum als Surrogat möchte schwerlich ausreichen, so vortrefflich der Gedanke ist, ihm als zweiten Minister der auswärtigen Angelegenheiten alle Bundes-, Grenz- und innem Behörden berührenden Geschäfte des Departements zu übertragen. Das Notwendigste aber bliebe immer ein zweiter Kabinettsrat des Königs, ein ganz sichrer Royalist, der mit Ausnahme der juristischen Sachen, welche Albrecht verblieben, die Bearbeitung aller übrigen inneren und auswärtigen Angelegenheiten übernähme. Es wird nicht geschehn, aber ich bleibe dabei, daß Beckedorff9), dem der Fürst Wittgenstein, wie ich von neuem höre, ganz unbedingtes Vertrauen schenkt, an einer solchen Stelle die allergrößten Dienste leisten könnte. Ich fürchte die Debatten im Staatsrat über die neuen Provinzialverfassungsentwürfe; und daß niemand um die Person des Königs und des Kronprinzen ist, der den Sophistereien der Gegner, der Humboldt, der Savigny pp gründlich zu widerstehen im Stande sein wird; gerät diese Hauptangelegenheit ins Stocken, so retrogradiert die ganze Restauration. Den Streit um die Wohlgeborenen und Hochwohlgeborenen angeregt zu haben, war ein großer politischer Fehler des Ministers von Voß. Abgesehn davon, daß es mit der Kastenabteilung dieser Art unwiderruflich am Ende ist, und daß eine vorsätzliche Absonderung des Geburtsadels von dem Dienstadel allein hinreicht, alle Monarchien in Europa zu stürzen; so hat man auch der Sache des wahren Geburtsadels keinen schlimmeren Streich spielen können, als indem man den Gegnern die Befugnis gibt, dem Könige zu sagen, daß der Minister Voß die Ehre des Königlichen Dienstes der Ehre der Adelsaristokratie nachsetzte. Betrachtet man sich nun etwas näher die große Mehrheit der Subjekte dieses Preußischen Adels, so erscheint das ganze Unternehmen völlig unausführbar. Der König spricht in Infinitiven, weil er seine Diener nicht per Sie anreden will, und das E r unmöglich geworden ist. Warum folgte der Minister Voß nicht seinem Beispiel und wählt einen dritten Ausweg zwischen den Wohl- und Hochwohlgeb., indem er wie in Bayern rescribiert: Im Namen Sr. M. des Königs! Der Geh.-Rat 9) Über Beckedorff vgl. man: Hans Brunngräber, Ludolph von Beckedorff, ein Volksschulpädagoge des 19. Jahrhunderts, Düsseldorf 1929, und Baxa, Adam Müller, S. 341 ff. Mitteilungen, Band 9 10