Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
BAXA, Jakob: Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815–1824
144 Jakob Baxa bundoffizier bis 1813 auf französischer Seite kämpfte, trat er im Mai dieses Jahres als Kommandant von Torgau allein zu den Verbündeten über und befehligte 1815 bei Wavre das 3. preußische Korps, womit er zum Erfolg der Schlacht bei Waterloo wesentlich beitrug. In einem Bericht vom 18. Dezember 1817, der sich mit der Lage und den Händeln der protestantischen Kirche befaßt, schildert Adam Müller die Verhältnisse im nördlichen Deutschland in folgender Weise: „Man wird den wahren Zustand des nördlichen Deutschland nicht verfehlen, wenn man annimmt, daß sich Geistliche, Professoren und Studenten gemeinschaftlich mehr und mehr in Opposition gegen die politische Ordnung setzen. Luther, dessen Werke ein wahres Zeughaus für die unruhigen Köpfe aller Art darbieten, war das passendste Vereinigungs- mittel.“ Das zielt auf die Dreihundertjahrfeier der Reformation am 31. Oktober 1817. Freilich seien die Systeme der einzelnen Geistlichen und Professoren untereinander von Grund aus verschieden, aber sie seien mit den Rädelsführern der Freiheit in Preußen über die Notwendigkeit der Volksherrschaft und totale Reformation der Staaten einig. Die Geistesverwirrung in den hiesigen Gegenden zeige sich durch das Feldgeschrei, daß alles anders werden müsse. Adam Müllers bisherige Berichte sind alle an den Fürsten Metternich gerichtet und stammen aus der Zeit der Staatsverwaltung des Fürsten Hardenberg. Nach dessen zu Genua am 26. November 1822 erfolgten Tode begann in Preußen eine neue Ära, auf die Adam Müller die größten Hoffnungen setzte. Das erfahren wir aus seinen Berichten an den Herzog Ferdinand von Anhalt-Köthen. Am 23. Dezember 1822 schreibt Adam Müller an Herzog Ferdinand: „Die Nachricht von der Ernennung des Minister von Voß, welche ich Euer Durchlaucht verdanke, hat mir eine große und reine Freude verursacht.“ Graf Otto Karl Friedrich v. Voß-Buch, dem König Friedrich Wilhelm III. nach Hardenbergs Tod die Leitung des Staatsministeriums anvertraute, war der Führer der Feudalpartei und eines der Häupter der Adelsfronde 1810/11 gegen die liberalen Reformen Hardenbergs. Der kurmärkische Adel wollte ihn schon im Juli 1811 an die Spitze der Geschäfte stellen7). Adam Müller war mit dem Grafen Voß und dessen Familie, besonders mit seinem Sohn Karl, seit frühester Jugend befreundet. Noch am 7. Dezember 1818 hatte Adam Müller dem Grafen Voß geschrieben: „... der Sie nun noch obenein (wie ich von Beckedorf höre) erzkatholischer Gesinnung sind“ 8) Daher erhofft Adam Müller von Voß als Staatsminister für Preußen nur das Allerbeste. Jetzt sei nicht mehr zu befürchten, daß man mit dem alten Preußen französische Konstitutionsexperimente machen werde, 7) Wilhelm Steffens, Hardenberg und die ständische Opposition 1810/11, Leipzig 1907, S. 75. 8) Baxa, Adam Müller, S. 352.