Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)
ENGEL-JANOSI, Friedrich: Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil
226 Friedrich Engel-Jánosi fließen von vielen Quellen, sie alle zu der gleichen Zeit“ 12). Sie alle hatten daran Anteil: Pius VII. und sein großer Minister Consalvi, und die französischen Denker Chateaubriand, De Maistre, Ozanam, Baron Eckstein, „the real discoverer“, in den Augen Actons das große Original13). Sie alle waren erfüllt von „der Idee der schrittweisen Vervollkommnung und Verbesserung der Kirche, immer mehr geeignet zur Erfüllung ihrer großen Aufgabe 14). Hier liegt für Acton der Tag, an dem der liberale Katholizismus geboren wurde; er war in die Welt getreten, noch ehe die Stunde Lamennais’ und Montalemberts geschlagen hatte: „erst dann kam Lamennais — nach 1827“ 15). Der liberale Katholizismus hatte seine Vorläufer bereits im vorhergehenden Jahrhundert gehabt, unter denen wohl keiner an Bedeutung den Erzbischof von Cambrai überragte. Und wiederum: es ist wohl kein Zufall, daß Fénélons Biographie 1808 von Bausset geschrieben wurde, daß seine Gesammelten Werke zwischen 1808 und 1833 und 1827 seine Korrespondenz publiziert wurden. Als das große Prosagedicht Manzonis 1825 erschien, erblickte man in Fénélon das Urbild jenes Federigo Borromeo, von dem der Dichter ausrief: „cos’ ha quell’ uomo per render tanta gente allegra?“ Dies sind die Männer, die in dem großen Augenblick der Geschichte mit der nötigen Kraft begabt waren, um „mit festgesetzten Ideen zu brechen, der Strömung zu widerstehen, nochmals anzufangen“16 17). „Welch eine Katastrophe unter Pius VI., welch hoffnungsvolle Wiedergeburt unter Pius VII.“ ”). Man wird sich an diese Gestalten und an ihre Bedeutung für Acton erinnern müssen, um die Haltung des Historikers zu verstehen, die er gegenüber den Mitgliedern der Konzilsminorität einnahm. Während seines Aufenthaltes in Rom stand er in täglichem Kontakt mit ihnen. Das Ziel war für ihn das gleiche: „es handelte sich nicht um Sieg, nicht um die Beendigung eines Konfliktes, sondern um dessen Eröffnung“ 18). Wir geben zunächst die Portraits, die der Historiker von zwei der hervorragendsten und einflußreichsten Führer dieser Gruppe entwirft: des Kardinals von Prag und des Erzbischofs von Paris. Fürst Schwarzenberg hatte nichts publiziert, notierte Lord Acton, aber „offen und frei sprach er seine Ansicht aus... Er war kein Gelehrter (ein Punkt, der für den 12) „.. the confluence of many springs, all at the same time“ Add. 5460. 13) Add. 5640. 14) „ . . . the idea of the gradual accomplishment and progress of the Church, more and more fit for her work.“ Add. 4912. 15) „Then only Lamennais — from 1827.“ Add. 5640. 16) „ ... break with established ideas, resist the current, make a new departure“. Add. 4973. 17) „Such a catastrophe as under Pius VI, and so hopeful a revival as under Pius VII“ Add. 4912. 18) „What was wanted was not victory, not the conclusion of conflict, but the beginning“ Add. 5542.