Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil

Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil 227 Historiker von Cambridge stets wichtig war) wie Rauscher und hatte nicht einen derart erhabenen Geist wie Strossmayer. Aber er vertrat die böh­mische Nation, die österreichische Hocharistokratie, Mächte, die in der Kirche viel zählten. Seine persönliche Würde und Ehrenhaftigkeit gaben ihm eine große Stellung ... Er entsprach den Erwartungen. Sein Mut, seine Standhaftigkeit versagten nie. Sein Geist war so straff wie seine Ge­stalt“ 18a). Über Monsignore Darboy heißt es: „möglicherweise der Begab­teste unter ihnen allen... Ein Kirchenfürst, hervorragend durch seine Würde und seine Mäßigung inmitten des Streites von Personen und Par­teien ... Doellinger hat nie verstanden, daß dieser gewöhnlich aussehende Mann von unansehnlicher Gestalt, der wenig Freunde hatte, der nie seine Gefühle zeigte und seinen Nachbar Mérődé durch unaufhörliche Bespre­chung der (Konzils-) Debatten zur Verzweiflung brachte ... daß Darboy in Wirklichkeit der fähigste von den 900 Prälaten in Rom war... niemand wußte dies, Doellinger am wenigsten“ 19). Wohl bewunderte Acton den Bischof von Orléans und vielleicht noch mehr Strossmayer, den kühnen Bischof „von der bosnischen Grenze“, „so unähnlich den übrigen, frei von ihren Vorurteilen und Illusionen“, aber der Gruppe als solcher stand er kritisch gegenüber; er glaubte, daß ihr die Kraft fehlte, „einen neuen Anfang“ zu machen. Daher das Urteil über die Prälaten der Minorität, das charakteristisch ist für den es formulierenden Historiker: „sie benützten niemals ihr stärkstes Argument, daß sie ein Dogma, das nicht mit Stimmeneinhelligkeit zustandegekommen war, nicht annehmen würden. Vielleicht hätte es keinen Erfolg gehabt; aber es hieß den Papst in den Irrtum führen, daß sie nachgeben würden, wenn sie so sehr besorgt waren, nicht zu sagen, daß sie es nicht tun würden“ 20). Dieser Mangel der Fähigkeit oder des Willens, ein Kompromiß zu ver­werfen, bereit zu sein, einen neuen Anfang zu machen, bildete den Haupt­punkt der Kritik, die Acton an der Minorität übte. Die Szene verwandelt sich, wenn wir sie mit den Augen der Diplomaten Frankreichs und Österreichs betrachten. Innerhalb des diplomatischen Korps am päpstlichen Hofe bilden die Vertreter der beiden katholischen Großmächte eine Mittelgruppe. Die protestantischen Regierungen sind vertreten: Berlin durch Herrn von Arnim, gescheit, intriguierend, ununter­brochen in Unruhe — weit mehr als sein Chef Graf Bismarck — und vor allem immer unangenehm. Die Berichte an den Hof von Westminster wur­den von Odo Russel geschrieben, der — ein überraschender Umstand — isa) Add. 5542. 19) Add. 4972. so) „They never used their strongest argument that they would not accept a dogma without unanimous consent. It might have failed; but it was deluding the Pope into the belief that they would yield to avoid so carefully saying that they would not.“ Add. 5542. 15*

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