Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)
ENGEL-JANOSI, Friedrich: Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil
Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil. Von Friedrich Engel-Janosi (Washington). Es kann sich hier nicht darum handeln, die Beziehungen, die zwischen dem liberalen Katholizismus und jener Gruppe des vatikanischen Konzils, die man als Minorität oder Opposition zu bezeichnen pflegt, erschöpfend darzustellen. Eine solche Aufgabe wäre um so schwieriger, als beide Phänomene — liberaler Katholizismus und Konzilsminorität — keineswegs klar abgegrenzt sind1)- Es sollen im folgenden einige Quellen, die bisher für diesen Gesichtspunkt nicht betrachtet worden sind, auf unser Thema hin befragt werden. Da die drei zu behandelnden Quellen aus verschiedenen sozialen Schichten und aus verschiedenen Nationen kommen, können sie vielleicht dazu beitragen, uns über diesen reichlich komplexen Fragenkreis, der leicht allzu vereinfacht dargestellt wird, einigen Aufschluß zu geben. Wir stellen zuerst die Frage nach dem Ursprung des liberalen Katholizismus und wenden uns zu den „black boxes“, den schwarzen Schachteln Lord Acton’s, des hervorragenden britischen Historikers und Theoretikers des liberalen Katholizismus, der — wie bekannt — diese Richtung in einer Haltung vertrat, die Kompromisse ablehnte2). Die Universitätsbibliothek in Cambridge (England) verwahrt diese schwarzen Schachteln, die der britische Historiker mit seinen Exzerpten und Notizen angefüllt hat und die — je nach der Einstellung des Betrachtenden — die Bewunderung oder den Zorn so mancher Gelehrten erregt haben3). Unter den Aufschriften, ') Die beste Diskussion des liberalen Katholizismus ist jetzt wohl Le Libéra- lisme Religieux au XlXeme Siecle von R. Aubert, J. B. Duroselle, A. Jemolo in Relazioni vol. V. Storia Contemporanea, a cura della Giunta Centrale per Gli Studi Storici. (Firenze, 1955) SS. 305—383; vgl. auch „Libéralisme Catholique“ in Dictionnaire de Théologie Catholique (Paris, 1938), col. 506—629. 2) Die Literatur über Lord Acton wächst ständig an. Die Bücher von Ulrich Noack, Geschichtswissenschaft und W ahrheit (Frankfurt, 1935), Katholizität und Geistesfreiheit (Frankfurt, 1936), Politik als Sicherung der Freiheit (Frankfurt, 1947) behalten aber ihren Wert; Noack hat als einziger unter den Historikern, die sich mit Acton befaßt haben, dessen Beziehungen zu den Vertretern des französischen liberalen Katholizismus Aufmerksamkeit gewidmet. Vgl. auch jetzt Lionel Kochan, Acton on History (London, 1954). 3) Verschiedene Äußerungen bei F. E. Lally, As Lord Acton Says (Newport, 1942), S. 175 ff.; ein besonders scharfes Urteil aus den Recollections of Viscount Morley zitiert ebd. S. 189: „It is better to have produced one solid mono-