Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil

224 Friedrich Engel-Janosi die Acton diesen „schwarzen Schachteln“ gegeben hat, befinden sich solche, die auf „Vaticana“, „Roman Question“ hinweisen oder auf seinen Lehrer und vieljährigen Freund, Professor Doellinger, oder Titel wie „Liberal Catholicism“, „Ideal Catholicism“, usw. Die charakteristischen Züge in diesen letztgenannten Notizen stimmen mit Lord Acton’s grundsätzlicher Haltung in Fragen der Geschichts­forschung überein: um Geschichte zu verstehen, muß man die religiösen Kräfte der Zeitalter befragen; er vermerkt: „Religionsgeschichte verhält sich zur allgemeinen Geschichte wie die Seele zum Körper, Sie gibt den Ereignissen der allgemeinen Geschichte Zusammenhang und Bedeutung. Ohne sie könnte die Geschichte nur das Gedächtnis, nicht die höheren Geisteskräfte beanspruchen“4), Gedanken, die auf Doellinger zurückgeführt werden können und auch wohl von Rankes in der Einleitung zur Geschichte der deutschen Reformation ausgesprochenen Ansichten befruchtet sein mögen, vor allem aber auf den Grundgedanken Ernst von Lasaulx’, des zweiten Lehrers Actons in München, hinweisen. Ein weiterer Punkt Actons ist sein Glaube an den Fortschritt in der Geschichte, ein Vermächtnis des Zeitalters der Aufklärung, bei dem briti­schen Historiker jedoch nicht derart vereinfacht, mit Anerkennung von „Verzögerungen“ gesehen und in Verbindung mit seiner religiösen Über­zeugung gebracht. So schreibt er an Doellinger: „Es gibt eine große Einheit in der Geschichte der Ideen, des Bewußtseins, der Moral... Ich sage, daß das Geheimnis der Philosophie der Geschichte hierin begründet ist. Hier ist der einzige Punkt, von dem man einen unaufhaltsamen Fortschritt erblickt, der einzige Punkt also, der die Wege Gottes für den Menschen rechtfertigt“ 5). Es ist bekannt, daß dieser Gesichtspunkt die Grundlage für Actons großes Werk „The History of Liberty“ bilden sollte, das — wie ebenfalls bekannt — nie geschrieben wurde. Und wichtiger noch, und auf die Geschichte der Kirche angewendet: „Wechsel zum Besseren; innere Kräfte am Werk; Besserung — Anzeichen der göttlichen Kräfte, die im Inneren wirksam sind“ 6). Der Fortschritt innerhalb der Kirche ist der graph on the minutest point. . . than to have accumulated for forty years unwritten learning that goes down to the grave and is lost“, ein Verdikt, das an die Bewertung Acton’s durch A. J. Toynbee in A Study of History I, 46 f. und X, 38 f. erinnert. 4) „Church History is to universal history as the soul to the body. It gives connection and importance to the events of universal history. Without it history could occupy the memory, not the higher faculty of the mind.“ Universitäts­bibliothek Cambridge, England, Add. 4860. 5) „There is a grand unity in the history of ideas, of conscience, of morality ... I venture to say thatr the secret of the philosophy of history lies there. It is the only point of view from which one discovers a constant progress, the only one therefore which justifies the ways of God to man.“ 22. IX. 1882. Add. 4914: das Zitat „justifies etc..“ aus Milton’s Paradise Lost. 6) „Change for the better; forces at work within; improvement sign of divine forces at work within.“ Add. 5495.

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