Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)
NECK, Rudolf: Zeitgeschichtliche Literatur über Österreich
Rezensionen 525 bisher dominierende Einfluß der deutschen protestantischen Theologie in England ging zurück. Die englischen Liberalen konnten sich nicht mit der zersetzenden Kritik der deutschen liberalen Theologie befreunden, sie folgten lieber der ritualistischen Richtung Puseys und liehen ihre Sympathien Döllinger, mit dem sie sich in antirömischer Gesinnung eins wußten. Sir John Dalberg Acton empfand die Lehre Luthers vom leidenden Gehorsam als einen Schrittmacher des Gottesgnadentums. Das Deutschlandbild der Engländer wandelte sich in dieser Zeit, aus einem Volk der Dichter und der Denker wurde ein Volk der Techniker, Kaufleute und Organisatoren. Eine Brücke des Verständnisses zwischen beiden Völkern zu schlagen bemühten sich, wenn auch vergeblich, der Sohn des Griechenmüllers F. M. Müller, der als Professor für Sanskrit an der Universität Oxford wirkte, und Lord Dalberg Acton, der Herausgeber der English Historical Review. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, daß die beiden englischen Botschafter in Wien und Berlin, die 1914 die Kriegserklärungen zu überreichen hatten, ein Sir Maurice de Bunsen und Sir William Edward Goschen waren. Dem Problemkreis des deutschen Ostens gehören die beiden Arbeiten von Hubatsch und Conze an. Walther Hubatsch, Kreuzritterstaat und Hohen- zollernmonarchie. Zur Frage der Fortdauer des deutschen Ordens in Preußen (S. 179—196) ging der Frage, inwieweit der Deutsche Ritterorden nach seinem Ende als Staat auf das Preußenland gewirkt hatte, nach. Erich Caspar, Hermann von Salza und die Gründung des Ordensstaates in Preußen, Tübingen 192U beantwortete diese Frage hinsichtlich der räumlichen Verknüpfung des Ordenslandes mit dem Herzogtum bejahend. H. konnte an Hand der Archivalien, vor allem der Dienst- und Zinsbücher feststellen, daß die Säkularisation in der Verwaltung des Ordenslandes weder in sachlicher noch in personeller Beziehung einen Bruch hinterlassen hatte, es blieben die gleichen Verwaltungsbeamten und Schreiber im Amt. Werner Conze, Nationalstaat oder Mitteleuropa, Die Deutschen des Reiches und die Nationalitätenfragen Ostmitteleuropas im ersten Weltkrieg (S. 201 bis 230) wies auf den Zusammenhang der östlichen Nationalitätenfragen mit den deutschen Verfassungsproblemen hin. Die folgenden Aufsätze sind Einzelproblemen russischer Geschichte gewidmet. Reinhard Wittram, Peter der Große und Livland. Zur Kernfrage des Nordischen Krieges (S. 233—269) wies nach, daß Peter d. Gr. seit 1698 die Absicht hatte, mit Schweden um den Besitz Finnlands, den ihm schließlich der Friede von Nysted 1727 brachte, zu kämpfen. Außer einer konzentrierten Darstellung der Verhandlungen, welche zum Nystedter Frieden führten, gelang es dem Verfasser, die Rolle Ostermanns in diesen Verhandlungen zu klären. Waldemar Gurian, Lenins Methoden der Machtergreifung im Jahre 1917 (S. 271—291) entwickelte aus den Memoiren der führenden Sowjets deren Methode der Machtergreifung und kennzeichnete sie als Ergebnis langer und sorgsamer Planung, als Anwendung der Grundsätze des Marxismus auf die Verhältnisse des 20. Jahrhunderts. Gewissen unveränderlichen Maximen russischer Außenpolitik sowie des russischen Volks- und Staatsbewußtseins ging Werner Markert, Rußland und die abendländische Welt. Zum Problem der Kontinuität in der russischen Geschichte (S. 293—312) nach.