Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Visitationsberichte österreichischer Bischöfe an Kaiser Franz I. (1804–1835)
250 Erika Weinzierl-Fischer nete daher die Einführung eines Notunterrichtes unter der Anleitung „einiger verläßlichen älteren Weiber im Lesen und Schreiben“ an, hegte aber die Befürchtung, daß man diese Schulen als bloße „Winkelschulen“ untersagen werde, „da der Buchstabe der bestehenden Normalien allerdings gege solche Anstalten ist“ 23). Der Bischof, der sich so intensiv mit einer Unterrichtsreform befaßte, daß er ungefähr zur gleichen Zeit über dieses Thema selbst Abhandlungen veröffentlichte, schlug auch vor, die Ausbildung der Schulgehilfen durch die Hauptschuldirektoren von drei auf sechs Monate zu verlängern24). Manche Schulgebäude seiner Diözese bezeichnete Frint als in höchstem Grad gesundheitsschädlich: So waren in der Pfarr- schule in Geiersberg, N.-Ö., die Mauern grün angelaufen und so naß, daß das Wasser an ihnen herablief25). Ähnliches gab es aber auch in Oberösterreich, wo die Schule in Andorf aus einem ehemaligen Pferdestall bestand und in Marienkirchen im Innviertel mußten die Kinder über eine Leiter in ihre Schulzimmer klettern26). Fanden in den Berichten über das Schulwesen meist der Schulbesuch, die Notlage der Lehrer und die Unterrichtserfolge Erwähnung, so gab es doch auch Bischöfe, die sich mit der geistigen Haltung der Lehrerschaft auseinandersetzten. Bischof Zängerle von Seckau stellte fest, daß viele Lehrer areligiös eingestellt wären und schlug zur Verbesserung ihrer Ausbildung vor, „in jeder Diözese die nöthige Anzahl der nachwachsenden Schullehrer entweder in einer gut disziplinierten Ordens Communität, oder im Diözesan-Seminarium .. . wenigstens ein Jahr in guter Aufsicht und Leitung“ zu halten27). Besonders ausführlich nahm Bischof Ziegler von Linz zu diesem Thema Stellung. Er fand, daß in Oberösterreich, das einen auffallend starken Lehrernachwuchs hatte, — für eine Dorfschule meldeten sich meist 10, für ein Städtchen 20, für eine Haupt- oder Normalschule 40 Kandidaten 28) — der Unterricht in den der Jugend entsprechenden Lehrgegenständen gut wäre. „Wo sich aber die Lehrer versteigen, in die weit über ihren Horizont liegende Physik, Architektur, Naturkunde etc., da geht es freylich ärmlich bey Lehrern und Schülern29).“ Vor allem aber käme im Unterricht, den einige Lehrer nach der sokratischen Methode erteilten30), die Beligions- lehre zu kurz. Dies wäre darauf zurückzuführen, daß sich die durch die Schulstunden nicht genügend beschäftigten Schulgehilfen „mit Flugschriften des Tages aus irgend einer Lesebibliothek, mit ausländischen Zeitun23) 1829 XI 1. K.F.A. 237/72/15. 24) Über einige dringende Verbesserungen bey dem Unterrichte und bey der Erziehung der Jugend, Wien 1830. 25) 1830 XI 17. K.F.A. 237/72/18. 26) 1829 XI 24. K.F.A. 235/50/12. 27) 1828 IV 11. K.F.A. 237/76/8. 28) 1831 XII 10. K.F.A. 235/50/13. 20) 1829 XI 24. K.F.A. 235/50/12. 30) Siehe unten S. 261.