Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Visitationsberichte österreichischer Bischöfe an Kaiser Franz I. (1804–1835)
Visitationsberichte österreichischer Bischöfe an Kaiser Franz I. 251 gen und Komödien“ unterhielten. „Diese leidige Belesenheit erzeugt in ihnen den Wahn, daß, da sie über die gemeinen Leute weit erhaben wären, sie auch ganz andere Doktrinen aussprechen müssen.“ Und zwar äußerten sie diese nicht nur über politische, sondern auch über religiöse Gegenstände. Diese „Doktrinen“ waren unverfälschte Äußerungen der Aufklärung31), die damit durch ihre Verkünder sogar in die niedersten Klassen der Volksschulen vordrang, denn zweifellos hat sich diese Einstellung bei aller gegen die geistliche Schulaufsicht geübten Vorsicht auch auf den Unterricht selbst ausgewirkt. — Auch Erzbischof Firmian von Wien klagte, daß die Lehrer der Dekanate ob dem Bisamberg und am Michaelsberg „mehr für den Unterricht als für die Frömmigkeit“ eingenommen wären 32). Wie man auch hier wieder sieht, scheinen fruchtbare Ebenen und die Nähe größerer Städte der Verbreitung neuer Ideen günstig zu sein und eine Untersuchung über das Vordringen der Aufklärung in das flache Land wird auch die rein geographischen Gegebenheiten berücksichtigen müssen. Mit besonderen Schwierigkeiten hatte die deutsche Volksschule naturgemäß in den nicht deutschsprachigen Gebieten der Monarchie zu kämpfen 33 34). Dazu kamen dann noch die üblichen Behinderungen, wie z. B., daß in der Erzdiözese Görz 1805 die Schulen fast den ganzen Sommer über geschlossen waren84), da man die Kinder für die Feldarbeit benötigte35 *). Vor allem aber war das Schulnetz selbst noch nicht so gut ausgebildet wie in den eigentlichen Erbländern und manche Gemeinden, die die Errichtung einer Schule wünschten, waren daher bereit, den Lehrer mit Brennholz und Naturalbeihilfen zusätzlich zu dotieren, wie z. B. das aus 151 Familien bestehende Dorf Terebleze in der Bukowina38). Im gesamten Bezirk Russisch- Kimpulungau, Bukowina, gab es keine einzige Volksschule und die Kinder konnten daher nicht einmal in ihrer Muttersprache lesen und schreiben, von irgendwelchen Deutschkenntnissen ganz zu schweigen37). Gerade in dieser Diözese setzten sich aber die Bischöfe besonders für die Förderung S1) „Beicht und Fegfeur sind erst in den finstern Zeiten zum Vorschein gekommen, alle Religionen machen selig etc.“ —- 1831 XII 10. K.F.A. 235/50/13. — Dies entspricht auch der Feststellung V a 1 j a v e c s, a. a. O., S. 28, daß die Lehrerschaft zum Josephinismus tendierte. 32) 1830 XI 28. K.F.A. 239/97/9. 33) Vgl dazu Strakosch-Grassmann, a. a. O., S. 163, der die österreichische Schulpolitik außerhalb des deutschen Sprachgebietes allerdings etwas gehässig darstellt: „Vollständig vernachlässigt wurde dagegen das Volkssehulwesen in den südlichen und östlichen Kronländern, im Sprachgebiet der Slove- nen, im Küstenland, in Galizien und in der Bukowina.“ 34) Auf dem Land dauerte die Unterrichtszeit für Kinder von 9—13 Jahren von Anfang Dezember bis Ende März. Kinder vom 6.—8. Lebensjahr sollten vorwiegend während der wärmeren Jahreszeit unterrichtet werden, da im Winter die Wege zu beschwerlich waren. Ebendort S. 127. 35) 1808 X 2. K.F.A. 233/34/1. 38) 1809 II 24. K.F.A. 231/13/2. 87) 1809 II 24. K.F.A. 231/13/2.