Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)

GASSER, Peter: Das spanische Königtum Karls VI. in Wien

194 Peter Gasser wurde. Es war wenig, was sie schließlich geben konnte, zu sehr hatte sie, erschöpft wie sie war, auch nach 1711 für die ungezählten Pensionen, Ge­schenke und Steuerleistungen herhalten müssen. Uneinigkeit in der Kriegszielsetzung auf alliierter Seite verzögerte den Kriegsausbruch und ermöglichte dem Kaiser, den Verhandlungsweg zunächst mit England zu beschreiten und im März 1731 einen Vertrag abzuschließen. England schied als künftiger Kriegsgegner Österreichs aus und garantierte die pragmatische Sanktion. Dafür mußte Karl VI. durch Erfüllung der spanischen Forderungen auf Parma, Piacenza und Toskana die Bildung eines Brückenkopfes dulden, aus dem zu gegebener Zeit ein Angriff auf seine italienischen Besitzungen mit Bestimmtheit zu erwar­ten war. Ferner verpflichtet er sich zur endgültigen Liquidierung der Ostende-Kompagnie. Die Lage blieb 1731 und 1732 unsicher und gespannt. Der unmittelbar nach dem Vertragsabschluß mit England erwogene Plan23), die Vizekönige von Neapel und Sizilien, die Grafen Harrach und Sastago bzw. den Gouverneur von Mailand Grafen Daun gegen andere Persönlich­keiten auszutauschen, wurde schon im Dezember des gleichen Jahres aus naheliegenden Gründen, wieder fallen gelassen24). Die nunmehr als sichere Tatsache feststehende Heirat Maria There­sias mit Franz Stephan von Lothringen ließ eine Vergrößerung Österreichs durch ein Land erwarten, das seit langem auf der französischen Erobe­rungsliste stand. Dies war für Frankreich ein Grund, die nach dem Tode August von Polen dortselbst angeblich erfolgte Intervention des Kaisers der Anlaß zum Kriege, den es durch Aufstachelung der spanischen Begier­den auf Neapel, Sizilien und der savoyischen auf Mailand zu einem Mehr­frontenkrieg für Österreich am Rhein und in Italien zu entwickeln verstand. Den kaiserlichen Waffen war kein Erfolg beschieden. Überall fehlten die Mittel, auf jedem Kriegsschauplatz standen die Truppen Österreichs einer gewaltigen Übermacht gegenüber. In kurzer Zeit wurde Mailand von den Truppen Karl Emanuels III. von Savoyen, Neapel und Sizilien von den Streitkräften des Infanten Don Carlos besetzt25). Die italienische Stellung Österreichs schien aufgegeben, verloren sollte sie jedoch nicht gehen, da außenpolitische Erwägungen Frankreich, das ein Einschreiten Englands zugunsten des Kaisers befürchtete, den Weg des Friedens einschlagen ließ. Anfang Oktober 1735 waren die Friedensbedingungen zwischen Öster­reich und Frankreich abgemacht. Sie waren für den Kaiser überraschend günstig. Der Verlust Neapels und Siziliens war für Österreich erträglich. Diese Gebiete hatten keinen Vorteil, sondern nur Belastungen gebracht. 23) H. H. u. St. A. Spanischer Rat, Dekret v. 31. 3. 1731, Fasz. VI 21. 24) H. H. u. St. A. Spanischer Rat, Dekret v. 11. 12. 1731, Fasz. VI 96. 25) Den Untergang der österreichischen Herrschaft in Neapel und Sizilien hat Heinrich Benedikt in seinem Werke „Das Königreich Neapel unter Karl VI.“ Wien 1927, Seite 478 ff. ausführlich und ausgezeichnet dargestellt.

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