Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)
GASSER, Peter: Das spanische Königtum Karls VI. in Wien
Das spanische Königtum Karls VI. in Wien 195 Ihr neuer Herrscher, der Infant Don Carlos, Sohn der Elisabeth Farnese, mußte sich verpflichten, diese Länder niemals mit Spanien zu verbinden. Mailand erhielt der Kaiser mit Ausnahme geringfügiger Grenzberichtigungen zugunsten Savoyens von diesem zurück. Er erhielt ferner Parma und Piacenza und durfte in nächster Zeit auch mit Toskana, das nach dem Ableben des letzten Merdici an seinen Schwiegersohn fallen sollte, rechnen. Klar genommen war die Stellung Österreichs auf der Halbinsel durch die Konzentrierung auf Mittel- und Norditalien in jeder Hinsicht, auch strategisch betrachtet, günstiger geworden. Die spanischen Gebiete waren verloren. Mailand war, wie schon mehrafch erwähnt, nur ein spanisch verwaltetes Reichslehen gewesen. Jetzt, 1736, wurde der schon längst fällige Schritt, die Auflösung des Spanischen Rates, vollzogen. Seine Agenden gingen auf den Consiglio di Italia, den Italienischen Rat, über. Trifft Karl VI., wenn nunmehr abschließend diese Frage gestellt wird, für alle in dem letzten Jahrzehnt seiner Regierung Österreich erwachsenen Schäden allein die Schuld? Eine eindeutige Beantwortung ist schwer, bei einer historisch gewissenhaften Durchleuchtung aller im Spiele stehenden Komponenten fast unmöglich. Ritterlich, tapfer, war er zwar kein politisches Genie, doch auf vielen Gebieten des Lebens, vornehmlich der Kunst, weit überdurchschnittlich begabt. Die richtige Abschätzung der eigenen Zulänglichkeit ist nur ganz wenigen beschieden und schon fast gar nie trifft diese Fähigkeit bei einer Persönlichkeit zu, die sich auf speziellem Gebiete mit Recht als über den Durchschnitt stehend betrachten darf. So eine Gestalt war Karl VI. Ein tiefempfundenes Gefühl für die Heiligkeit der Traditionen findet sich in seltsamster Weise mit dem Hang, kühn ausgreifende Projekte anzufassen, um sie dann, kaum begonnen, wieder fallen zu lassen, in seinem Gemüt vereinigt. Lebhaft ist in diesem Herrscher, dessen spanischer Aufenthalt die Grenzen seines Gesichtskreises erweitert hatte, der Gedanke nach dem Wiederaufleben der Universalmonarchie wiedererstanden. Aus dem Drang, den kosmokratischen Charakter des Imperiums zu erneuern, versuchte er mit unzulänglichen Mitteln und zu einer Zeit auf den Spuren seines großem Ahnen und Namensvetters Karl V. zu wandeln, wo sich bereits die Vorstufe der Nationalstaaten — die europäische Pentarchie — abzuzeichnen begann. Von diesem Gesichtspunkte kann vielleicht das Festhalten an seinem schattenhaften spanischen Königtum, das aus Wien das italienische Kleinspanien beherrschen wollte, verstanden werden. Karl konnte oder wollte nicht die negativen Seiten im Nationalcharakter seiner spanischen Gefolgsleute erkennen, die aus ihrer Heimat entwurzelt und der Möglichkeit ritterlicher Betätigung beraubt, sich nunmehr auf die schamlose Ausnützung der ihnen verwaltungsmäßig weiterhin anvertrauten Gebiete stürzten. Wie groß des Kaisers Liebe zu diesem Volk und Lande war, vermitteln knappe Bemerkungen in seinen leider schwer zu entziffernden Tage13*