Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)
GASSER, Peter: Das spanische Königtum Karls VI. in Wien
190 Peter Gasser tielle Verstärkung und Sicherheit. Der spanische Überfall auf Sardinien und Sizilien 1717 bewies die Schwierigkeit einer erfolgreichen Abwehr bei Mangel eigener Seestreitkräfte für Österreich und zeigte die Notwendigkeit englischer Flottenhilfe. Das an und für sich glänzende Experiment der Ostindischen Kompagnie von Ostende brachte aber nach 1721 den Wiener Hof in scharfen Gegensatz zu den Seemächten. Auf Englands Hilfe im Mittelmeer konnte der Kaiser jetzt nicht mehr rechnen. Karl VI. war isoliert und sah seine süditalienischen Besitzungen einer spanischen Invasion so gut wie wehrlos preisgegeben. Nur aus dieser Situation muß das die übrigen Mächte auf das äußerste überraschende Bündnis des Kaisers mit seinen Hauptgegnern, den spanischen Bourbonen, verstanden werden. Es war das Bestreben, das Erworbene zu erhalten, das Karl zu dem Entschlüsse zwang, den Usurpator direkt als ,,Rey de Espaila“ zu titulieren und ihm persönlich, nicht wie 1718 über den Umweg der Staatskanzleien Englands und Frankreichs, die Verzichtserklärung auf die spanische Krone zu geben. Es mochte dem Kaiser der Umstand, daß die Annäherung von Madrid ausging, diesen Schritt erleichtern. Urheberin dieser, Österreich nach der allgemeinen Lage augenblicklich willkommenen politischen Entwicklung, war Elisabeth Farnese, Philipps V. zweite Gemahlin, die den apathisch kränklichen Gatten vollständig beherrschte. Ihrem leidenschaftlichen Charakter gaben handelspolitische Differenzen mit England und ein zerfallenes Heiratsprojekt ihrer Tochter mit dem Dauphin Gründe zum Frontwechsel. Die Verhandlungen, die ihr Beauftragter und Ratgeber Baron Jan Willem de Ripperda in Wien führte, waren kurz. Hastig und überstürzt kamen am 30. 4. und 1. 5. 1725 Friedens- und Bündnis-, am 5. 11. 1725 auch ein Heiratsvertrag zustande. Das Verhandlungsergebnis war kurz folgendes. Gegenseitige Anerkennung des jeweiligen Besitzstandes aus dem spanischen Erbe. Österreich sollte Spaniens Ansprüche auf Gibraltar und Minorka, Spanien die Österreichs bzw. des Reiches auf die rheinisch-französischen Gebiete, wenn notwendig, auch mit Waffengewalt unterstützen. Philipp V. anerkannte die pragmatische Sanktion. Elisabeths Söhne Carlos und Philipp sollten die Töchter Karls VI. heiraten und mit den in Bälde heimfallenden Reichslehen Parma und Piacenza sowie Toskana belehnt werden. Der Heiratsvertrag vom 5. 11. 1725, der der spanischen Königin ganz besonders am Herzen lag, dem sie alle übrigen Vereinbarungen unterordnete, wurde vom Wiener Hof unter Zwang und nicht in der Absicht, ihn einzuhalten, unterzeichnet. Parma, Piacenza und Toskana im bourboni- schen Besitz mußten trotz der Versicherung, sie nie mit Spanien zu verbinden, über kurz oder lang eine Bedrohung der ehemals spanischen Besitzungen Österreichs auf der Halbinsel darstellen. Die Nichteinhaltung dieses Vertrages durch den Kaiser ließ die spanische Freundschaft nach wenigen Jahren in die alte Feindschaft Umschlagen und das diplomatisch