Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)
GASSER, Peter: Das spanische Königtum Karls VI. in Wien
186 Peter Gasser denes spanisches Milieu verpflanzt er nach Wien. Der oberwähnte Beamtenapparat, der Consejo de Espana, wird aus den Einkünften der spanischen Nebenländer Italiens, zu denen Karl auch das Reichslehen Mailand gezählt haben will, erhalten, wobei Neapel jährlich 60.000, Mailand 40.000 und Sardinien 20.000 Escudos beisteuern müssen4). Bei den Beamten blieb es aber nicht. Eine große Schar Spanier, in erster Linie Katalonier, verband ihre Geschicke mit denen ihres Königs. Entwurzelt, nicht in der Lage, oft auch nicht gewillt, ihre Kräfte positiv zu entfalten, mußten sie doch in irgendeiner Form versorgt werden. Auf diesem Gebiete zeigte sich Karl VI. großzügig und dankbar. Treue vergalt er mit einem Vielfachen an Huld. Ungezählt sind die Dekrete, sie bilden den überwiegenden Teil des Bestandes überhaupt, in denen diesen Emigranten aus den Einkünften Mailands oder Neapels, oft aus beiden gleichzeitig, mitunter recht beträchtliche Pensionen bewilligt werden. Sie alle beginnen mit dem stereotypen Satz: „In atencion a los particulares meritos y servicios ...“. Diese Gnadenbeweise des Monarchen erstrecken sich nicht immer nur auf den einzelnen verdienstvollen Empfänger allein. Steuererträgnisse Mailands werden, um nur zwei Beispiele aus den ungezählten Fällen herauszugreifen, zur Bestreitung des Studiums am Collegium Clementinum in Rom für Don Pedro Alfán de Ribera, Sohn des um die Person des Herrschers verdienstvollen Marques de Villanueva, herangezogen5). Gefälle aus dem Königreich Neapel erfahren dadurch unter anderem eine Belastung, daß aus ihnen 300 Ducados für die Mitgift Donna Rosas de Lorente abgezweigt werden mit der Begründung, auf diesem Wege den Verdiensten ihres Vaters, als Leutnant der königlichen Garde während des Krieges um das spanische Erbe Genüge zu tun6). Ein weiterer Beweis der kaiserlichen Gunst gegenüber den Spaniern zeigt Karls fürsorgliches Interesse für das spanische Hospital in Wien, zu dessen Erhaltung Mailand und Neapel jährliche Beträge bereitzustellen hatten. In einem scharf gehaltenen Schreiben an den Generalgouverneur Grafen Colloredo führt der Kaiser über die Unpünktlichkeit der Geldsendungen aus Mailand Klage, wodurch den armen kranken Emigranten ihr bitteres Los noch verschlimmert würde7). Die Zahl der beschäftigungslosen, der Sympathie der Bevölkerung keineswegs teilhaftigen Spanier muß in Wien beträchtlich gewesen sein. Ihre Anwesenheit drohte zu einer sozialen Frage erster Ordnung zu werden, war es vielfach schon. Karl mußte mit einem Dekret vom 12. Mai 1716 die Verfügung treffen, daß alle nicht in der Verwaltung oder bei der Armee in Ungarn dienenden Spanier sich nach Flandern, Neapel, Sardinien oder Mailand, kurzum nach jenen Ländern, aus deren Patrimonia ihnen 4) H. H. u. St. A. Spanischer Rat, Faszikel I 19. 5) H. H. u. St. A. Spanischer Rat, Dekret vom 3 1. 1710, Faszikel I 825. 6) H. H. u. St. A. Spanischer Rat, Dekret vom 16. 7. 1729, Faszikel V 219. 7) H. H. u. St. A. Spanischer Rat, Dekret vom 25. 5. 1718, Faszikel II 48.