Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv

434 Literaturberichte nur geringe Aufgeschlossenheit für die tiefere Problematik zeigt und etwa in der Beurteilung des Opiumkrieges (S. 283) zu sehr Partei für die weiße Rasse nimmt. Ein weiterer Grundzug des Buches ist — wie der Verf. selbst sagt — sein konzilianter österreichischer Patriotismus, der umso mehr zu begrüßen ist, als die meisten Publikationen über die letzten Jahrzehnte der Donau­monarchie, die nach deren Untergang erschienen sind, zu sehr von nega­tiven Tendenzen getragen waren. Allerdings muß man sich auch vor ent­gegengesetzten Fehlern hüten. Gerade der österreichische Historiker müßte, in der Erkenntnis, daß die historische Größe seines Vaterlandes in den früheren Epochen beruhte, das 19. Jahrhundert als eine Zeit des Nieder­gangs begreifen und die mannigfachen Verfallserscheinungen richtig ein­schätzen. Man darf nicht über der späteren Entwicklung der Nachfolge­staaten den Umstand übersehen, daß der Untergang der Monarchie nicht allein vom bösen Ausland herbeigeführt wurde. Er war letzten Endes das Ergebnis einer allgemeinen Entwicklung und der mangelnden Fähigkeit in Österreich, sich derselben anzupassen und die — vielleicht unlösbaren — Probleme zu meistern. Jedenfalls scheint mir der behandelte Zeitraum bei objektiver Betrachtung für patriotische Gefühle nicht allzu ergiebig. Im einzelnen möchte ich noch zu den Ausführungen Kramers folgendes bemerken: Die Gegenüberstellung Friedrich Wilhelms IV. zur Konsequenz und Zuverlässigkeit seines Vaters (S. 148) ist nicht sehr glücklich. Fried­rich Wilhelm III. war als Fürst zweifellos eher schwach und ängstlich. Auf S. 161 dürfte K. — im Gegensatz zu dem von ihm oft zitierten R. Stadel­mann —- die Entschlossenheit der europäischen Mächte, gegen die deutsche Einheitsbewegung des Jahres 1848 einzuschreiten, überschätzen. Rußland, das dafür in erster Linie in Frage kam, war mehr gegen die demokratisch­liberalen Tendenzen der Revolution als gegen die nationalen eingestellt. Eine ernste Interventionsabsicht bestand in Petersburg, wie Veit Valentin aus russischen Archiven nachgewiesen hat, nicht. E. Mareks bemerkte richtig, daß die Frage deshalb bedeutungslos ist, weil der Ernstfall aus innerdeut­schen Gründen nicht eintrat. Anderslautende Versuche der jüngeren For­schung (A. Scharff u. a.) sind wenig überzeugend und auf das alte, nicht nur deutsche Bestreben zurückzuführen, für eigene Unzulänglichkeiten das Ausland verantwortlich zu machen. Trotz seiner Bemerkung auf S. 638 gewinnt Kramers Darstellung je näher er der Gegenwart kommt an Ausführlichkeit und Breite. Ab 1933 wird die Weltpolitik in Hinblick auf die deutsche Entwicklung behandelt. Die Aussagen über Österreich sind — was nicht nur dem Titel entspricht, sondern auch der Objektivität des Werkes zugute kommt — sparsam und zurückhaltend. K. führt für diesen Zeitabschnitt viel mehr Quellenmaterial, insbesondere Memoirenwerke an, aber auch kleinere Zeitschriftenaufsätze, z. T. von katholischen und sozialistischen Publizisten. Befremdend ist, daß er so wenig auf Aktenpublikationen Bezug nimmt. Manche schiefe Dar­stellung, die von der K. sonst völlig fernstehenden Goebbelspropaganda her­zurühren scheint, wäre dadurch vermieden worden, so etwa die sog. „Blankovollmacht“ für Polen (S. 737) oder der angeblich „Schulmeister-

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