Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv
Rezensionen 435 liehe, überhebliche Ton-4 in Roosevelts Friedensappell vom Frühjahr 1939 (S. 742). Auf S. 709 f. scheint mir die soziale Analyse der Anhängerschaft Hitlers nicht ganz zutreffend, namentlich nicht für die Verhältnisse des seinerzeitigen „Altreichs“. In Österreich lagen die Verhältnisse infolge der vorangegangenen politischen Entwicklung etwas anders, doch müßte man auch hier noch genauere statistische Erhebungen anstellen. Zu S. 725 ist zu bemerken, daß der Ausdruck „Achse“ für das Bündnis Rom-Berlin nicht — wie immer behauptet wird — von Mussolini 1936, sondern bereits vom ungarischen Ministerpräsidenten Gömbös im Juni 1934 geprägt wurde. Unklar blieb mir, was K. S. 822 über die deutschen Erfinder im Krieg meinte. All diese Einwände können jedoch bei einem so umfangreichen Werk gegen die Vorzüge nicht ins Gewicht fallen. Das Ziel, das sich K. steckte, hat er im besten Sinn erreicht. Wir haben ein Handbuch vor uns, das sich durch die Fülle und Zuverlässigkeit der gebotenen Tatsachen von den vielen Publikationen ähnlicher Art angenehm abhebt und das jedem Interessierten, vor allem auch unseren Journalisten zum Studium und Nachschlagen wärm- stens zu empfehlen ist. Zuletzt sei noch die repräsentative Aufmachung, die der Verlag dem Werke angedeihen ließ, rühmend hervorgehoben. Von wesentlich anderer Art als das eben besprochene ist das denselben Zeitraum umfassende Buch des Marburger Professors W. Mommsen, das in der Reihe „Weltgeschichte in Einzeldarstellungen“ des Bruckmann-Ver- lages erschienen ist. Im Gegensatz zu K. vermeidet Mommsen, der auf viele z. T. ungedruckte Einzelforschungen über das behandelte Gebiet zurückblicken kann (was sich etwa im Abschnitt über die Reformen des Freiherrn vom Stein bermerkbar macht), bewußt den Charakter eines Handbuches. Räumlich beschränkt er sich auf das Abendland, wobei auch Rußland, das „in seinem Kern stets asiatische Macht geblieben“ war und die Vereinigten Staaten, die „ein Teil des Abendlandes in den neuen Gebieten eines fremden Erdteiles waren und sind“, weitgehend mitberücksichtigt werden. Dafür beschäftigt sich M. nicht nur mit der Außenpolitik, sondern sucht alle Erscheinungsformen geschichtlichen Lebens zu umfassen. Er behandelt nicht nur ausführlich die Innenpolitik der Einzelstaaten, sondern widmet auch den geistig und wirtschaftlich-sozialen Grundlagen der einzelnen Epochen eingehende und wertvolle Untersuchungen. Im Vergleich zu Kramer wird man daher bei Mommsen eine vertiefte geistige Durchdringung des Stoffes feststellen müssen. So zieht er schon bei der Darstellung der französischen Revolution und ihrer Ursachen einen viel weiteren weltgeschichtlichen Bogen und befaßt sich in der Folge auch mit der deutschen klassischen Literatur und Historiographie (S. 205 ff. über Ranke). Hier sei auch gleich auf die heute so dringende kritische Auseinandersetzung mit der politischen Romantik hingewiesen (S. 201 ff.) und auf den vorzüglichen Abschnitt über die industrielle Revolution. Manchen Formulierungen des Verfassers zur sozialen Frage wird man freilich nicht voll zustimmen, so wenn er auf S. 230 die englische Arbeiterpartei als nicht klassenkämpferisch — das er mit „marxistisch“ gleichsetzt -— bezeichnet oder auf S- 436 meint, in den Vereinigten Staaten wäre die klassen28*