Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv
Rezensionen 433 dürfen. Grundsätzlich wird heute jedoch wohl kaum mehr bestritten, daß auch die aller jüngste Vergangenheit Gegenstand historischer Forschung zu sein hat. Auch die beiden vorliegenden Werke stammen von zünftigen Historikern und akademischen Lehrern. Ihre Aussagen unterscheiden sich gegenüber solchen von publizistischer Seite durch ihren ruhigen und sachlichen Ton. Das Buch Kramers, des Innsbrucker Ordinarius für Neuere Geschichte ist in erster Linie als ein Handbuch für die Geschichte der Außen- und Kolonialpolitik gedacht und berücksichtigt die Innenpolitik nur sofern Zusammenhänge mit der Außenpolitik bestehen. Auf Anmerkungen und Literaturangaben wurde mit Absicht verzichtet und abgesehen von einigen unzulänglichen bibliographischen Hinweisen im Vorwort, wurden nur kurz im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen anderer Lehrmeinungen oder als spätere Ergänzungen zum Text einzelne, meist neuere Werke zitiert, besonders Abhandlungen aus den letzten Heften der H.Z. und aus der Festschrift für S. Kaehler. In der Anmerkung auf S. 314 gibt K. eingehendere Hinweise zur Unterbauung seiner ziemlich positiven Beurteilung Bismarcks. Das Werk, das sonst infolge eines ausführlichen Inhaltsverzeichnisses und gewissenhafter Register sowie durch lebende Kolumnentitel und Sperrdrücke im Text den Anforderungen eines Handbuches vollauf entspricht, leidet unter dem Mangel eines einheitlichen Einteilungsgrundsatzes. Daß rein äußerlich die Kapitel von sehr unterschiedlichem Umfang sind, fällt dabei ebensowenig ins Gewicht, wie die ohnedies nicht immer vermeidbaren Wiederholungen. Viel bedenklicher ist es jedoch, wenn etwa die letzte Epoche der Napoleonischen Zeit außer in verstreuten kurzen Hinweisen überhaupt keine Erwähnung findet. Man wird vergeblich eine Darstellung der Politik der Großmächte vor dem Zug nach Moskau oder am Beginn der Freiheitskriege suchen und dies scheint mir bei einem Handbuch dieser Art ein empfindlicher Nachteil zu sein. Die Darstellung bewegt sich sonst in sehr bewährten Bahnen; manchmal hat man den Eindruck, eine in Buchform gegossene Vorlesung vor sich zu haben, mit all deren Vorzügen, aber auch stilistischen Mängeln (Kathederblüten!). So weit K. sein selbst gestecktes Ziel im Auge behält, läßt sich nichts einwenden; fragwürdiger werden seine Ausführungen jedoch, wenn er die Behandlung des rein Politischen und Tatsächlichen verläßt und sich z. B. um geistesgeschichtliche Aspekte bemüht. Hier merkt man deutlich seine Grenzen, die ihm auch dadurch gesetzt sind, daß die von ihm bisher vorgelegten bedeutenderen Einzeluntersuchungen frühere Epochen der neueren Geschichte zum Gegenstand haben. Die Grundhaltung ist katholisch-konservativ mit oft zu starker Betonung der letzteren Komponente. Dies äußert sich von Anfang an in einer ziemlich heftigen Abneigung gegen die Ideen der französischen Revolution. Das geht soweit, daß er wiederholt (S. 36, 120, 302 ff.) die Abschaffung der Sklaverei aus wirtschaftlichen Gründen „zum mindesten“ für verfrüht hält. Ähnliches macht sich auch bei der Behandlung sozialer Fragen bemerkbar (z. B. S. 43 über Th. Paine) und besonders auch in den beiden sonst sehr begrüßenswerten umfangreichen Abschnitten über die koloniale Entwicklung, in denen K. im Gegensatz zu seinem Gewährsmann (E. Sieber) 28 Mitteilungen, Band 5