Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv
430 Literaturberichte daß es sich um die Idee des Kaisers handelte, der lieber gesehen hätte, wenn die Piemontesen sich statt gegen Rom gegen Venedig wendeten, um sich hier blutige Köpfe zu holen. „Roma o morte“, verbunden mit den Angriffen Garibaldis gegen Napoleon und dessen „sete infame d’impero“, die guten Beziehungen Garibaldis zu Rattazzi und die Sympathien Viktor Emanuels für den Revolutionshelden ließen Napoleons nichts gutes von Seiten Piemonts ahnen. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Zug gegen Rom in stillem Einvernehmen mit Turin erfolgen würde. Das Abenteuer Garibaldis drohte, die Erfolge der Sache Italiens zu gefährden und bewirkte, daß die besonnenen Elemente nun für den Schutz Roms gegen die Rothemden eintraten. Garibaldis neuer Freischarenzug endete mit seiner Niederlage und Gefangennahme am Aspromonte am 29. August 1862. Aus diesem Sieg zog die italienische Regierung den Schluß, daß sie vor der Welt den Beweis erbracht hätte, daß sie die Ruhe und Unabhängigkeit des heiligen Stuhls garantieren könne, während das Verbleiben der französischen Besatzung eine Gefahr für den Frieden Europas bilde. Turin verlangte Rom als Preis für den Sieg über Garibaldi. Drouyn de Lhuys suchte die Augen der europäischen Diplomatie von der einzig wichtigen Frage, ob die weltliche Herrschaft des Papstes erhalten werden könne, auf die unwichtige der Reformen zu lenken, und Pius IX. setzte, um hier Napoleon entgegenzukommen, eine Studienkommission ein. Die Reformen sollten den Anteil der bürgerlichen Elemente an Gesetzgebung und Verwaltung stärken. Um zu erkennen, welche Bewandtnis es mit den Reformen hat, wird man kaum fehl gehen, sie mit den Reformwünschen der Großmächte in der Türkei zu vergleichen. Hier wie dort verbergen sich hinter den Reformen wirtschaftliche Absichten und Anleihepläne, welche in Rom mit den gewünschten öffentlichen Arbeiten in einem unschwer zu erkennenden Zusammenhang stehen. Darüber findet man begreiflicherweise nicht viel in den diplomatischen Akten, und auch Pater Pirri zieht die wirtschaftlichen Momente nicht in Betracht. Drouyn de Lhuys sagte dem Nuntius, die Einheit Italiens verliere täglich an Anhängern, immer mehr schwinden die Aussichten auf ihren Erfolg, er selbst gebe sie auf und der Heilige Stuhl möge die Provinzen, die sich nicht mit der Herrschaft Piemonts abfinden wollen, durch Reformen an sich ziehen. Noch hoffte Napoleon Umbrien und die Marken für den Papst zu retten. Ende Oktober weilte der britische Botschafter Sir Henry Lytton Bulwer als gefeierter Gast in Wien. Er eröffnete Rechberg, die britische Regierung empfinde eine späte Reue, die unsinnige und unmögliche Einigung Italiens gefördert zu haben, und wolle den Fuß von dem gefährlichen Pfade zurückziehen. Großbritannien suchte hier, wie in der griechischen Thronfolgefrage und den Angelegenheiten des Orients ein Einvernehmen mit Wien herzustellen. Das Werk des Pater Pirri schließt mit dem englischen Anbot, dem Papst Malta als Zufluchtstätte zur Verfügung zu stellen. Lord John Russell nahm ein hingeworfenes Wort des Papstes zu Sir Odo Russell, es könnte sein, daß er ihn einmal um Gastfreundschaft bitten müsse, zum Anlaß, ein Kriegsschiff nach Civitavecchia zur Verfügung des Papstes zu entsenden. Lord Russell beauftragte mit der Weisung vom 31. Oktober 1862 seinen