Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv

Rezensionen 429 Bemerkenswert sind die Äußerungen Napoleons dem neuen Nuntius Chigi gegenüber: „Warten wir ein wenig und die Ereignisse werden mir recht geben. Heute muß man Piemont jeden Vorwand nehmen, seine Un­fähigkeit zur Durchführung von dem, was es versprochen hat, zu ent­schuldigen. Wenn der Heilige Vater auf meine Ideen eingeht und einwilligt, daß der König bis nach Rom kommt, und man sähe, daß er selbst in der von ihm erträumten Hauptstadt nicht die Einheit Italiens zu erhalten imstand ist, dann werden für mich alle Hindernisse wegfallen und alles wird sich regeln.“ Wenn das Gespräch nur den Zweck hatte, den Papst zur Nach­giebigkeit zu bestimmen, dann verfehlte es sein Ziel, war es ernst gemeint, mußte es Zweifel an der Vernunft des Kaisers erregen. Die römische Frage war der Alpdruck, der auf Napoleon lastete, und Pius IX. hatte keinen Grund, ihn davon zu befreien. Benedetti, nun Gesandter in Turin, beun­ruhigt durch die „Intriguen“ seines englischen Kollegen und die Drohungen Garibaldis drängte Paris zur Entscheidung. Den Kampf zwischen Frankreich und Österreich um die Vorherrschaft in Italien, durch den die römische Frage aufgeworfen wurde, hat England gewonnen. Konnte es die Vergrößerung Frankreichs um Nizza und Savoyen nicht verhindern, so hielt es sich schadlos, indem es gegen den Wunsch Napoleons den Thron Neapels Umstürzen half, wozu die Neapolitanischen Briefe Gladstones, mit ihrer Schilderung der Leiden der politischen Ge­fangenen nicht wenig beitrugen. England erkannte, daß die Einigung Italiens nicht aufzuhalten war. Auf Großbritannien, nicht auf Österreich und nicht auf Frankreich sollte sich die neue Großmacht stützen. 1862 traten die mexikanische, die griechische, die Orient- und die Mittelmeer­fragen dazu, den Antagonismus der Westmächte zu vergrößern. Lord Russell schließt eine Depesche vom 2. April mit den Worten: „Die französische Regierung darf den Italienern nicht vorwerfen, daß im Süden die Ruhe nicht hergestellt ist, solange die französische Flagge den Papst ermutigt, ein Asyl für alle Brigantenhäuptlinge offen zu halten, die sich mit ihren Banden anschicken, friedliche Provinzen zu überfallen.“ Urbano Rattazzi, das neue Haupt der Turiner Regierung nach dem Sturz Ricasolis, unterhielt die besten Beziehungen zu Garibaldi und der radikalen Linken und bürgte für einen Vorstoß der Partei des Handelns. Palmerston wies in seiner Rede vom 11. April darauf hin, daß die Un­abhängigkeit des Papstes keines weltlichen Besitzes bedürfe, in welchem er sich gegen den Willen seiner Untertanen nur mit Hilfe von zwanzig­tausend fremden Bajonetten erhalte. Am 8. Mai trat Benjamin Disraeli für die Erhaltung des Kirchenstaates ein: „In der römischen Frage gibt es ein allgemeines Interesse für die ganze Welt und, wenn ich nicht irre, ein besonderes Interesse für eine protestantische Macht, wie England, und dieses Interesse ist nicht die weltliche Macht, sondern die Unabhängigkeit des Papstes, der nicht in die Abhängigkeit irgend einer europäischen Macht geraten dürfe.“ Am 8. August 1862 erschien die neue Zeitung „La France“, geleitet von La Guéronniére und von „guten Katholiken“ finan­ziert, welche die weltliche Macht des Papstes erhalten wollten. In dem Blatt wird die Teilung Italiens in einen nördlichen und einen südlichen Staat mit dem Patrimonium in der Mitte propagiert. Niemand zweifelte,

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