Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv
Rezensionen 427 Bei allem Gegensatz zwischen der Partei des Hauses Savoyen und der Gefolgschaft Garibaldis und Mazzinis, arbeiteten beide Bewegungen zusammen, wo es ging, die Reste der legitimen Herrschaft in Italien zu brechen. Der König schmeichelte sich, in Garibaldi ein gefügiges und uneigennütziges Werkzeug zu besitzen, und Cavour ließ sich gern von den Rothemden die Kastanien aus dem Feuer holen. Als sich die Nachrichten von einer Muratistischen Bewegung, welche dem Vordringen der Piemon- tesen einen Riegel vorschieben und zugleich dem Wunsch Napoleons nach einem Gegengewicht gegen Piemont entsprechen konnte, häuften, war für Cavour Eile geboten. Seine Geheimagenten bereiteten den Boden für Unruhen in den Marken und in Umbrien für die zweite Septemberwoche vor. Zugleich jagte er Napoleon Angst vor Garibaldi ein, der die Vormachtstellung in Italien den Engländern zuschanzen könnte. Man müsse Garibaldi, der nie den Verlust seiner Vaterstadt Nizza verschmerzen werde, den Weg nach Mittelitalien verlegen, die päpstlichen Gebiete besetzen, ehe sie in die Hände der Rothemden fielen. So rückten die Piemontesen mit dem Glückwunsch des Kaisers „Bonne chance, et faites vite“ in Umbrien und den Marken ein. Napoleon gab seinen Segen zum Einmarsch am 28. August den Unterhändlern Cavours, die er in Chambéry auf der Fahrt nach Marseille empfing, wo er sich zu einer Mittelmeerreise einschiffte. Cavour benützte die Abwesenheit des Kaisers, Thouvenel, von Napoleon nicht unterrichtet, war in maßloser Verlegenheit und Frankreich um jedes Ansehen gebracht. Man mußte daran denken, daß der Papst Rom verlasse. Thouvenel setzte sich mit Spanien wegen eines Asyls auf den Balearen in Verbindung. Die Entfernung des Papstes hätte den Franzosen gestattet, sich aus Rom zurückzuziehen. Auch päpstlich gesinnte Kreise bauten ihre Hoffnung auf einen Überfall auf Rom, welcher in der ganzen Welt eine Reaktion zugunsten des heiligen Vaters herbeigeführt hätte, wenigstens nach der Ansicht von Thiers, Guizot und Lamartine. Die Päpstlichen, 17.000 Mann stark, unterlagen, von General Lamoriciére geführt, bei Castelfidardo. Napoleon schickte Verstärkungen; Civitavecchia, Viterbo und andere Plätze wurden besetzt; Ancona hatte bereits vor dem Feinde kapituliert. Cavour sah die weltliche Herrschaft des Papstes für beendigt an. Nur Rom konnte die Hauptstadt Italiens sein. Napoleon wurde zur Lösung der römischen Frage gedrängt, um seine Truppen abberufen zu können, denn, solange diese in Rom standen, trug er die Verantwortung für alles, was sich in Rom ereignete. Persigny und Thouvenel, welche die Politik Cavours unterstützten, bewogen den Kaiser in einem Kabinettsrat anfangs Jänner 1861, die Besatzung auf Rom und einzig auf die Sicherheit des Papstes zu beschränken. Cavour bediente sich zu einem neuen Vorstoß, um wenigstens zu einer teilweisen Einigung mit der Kurie zu gelangen, des Theologieprofessors der Sapienza Carlo Passaglia, dessen Studien die Verkündung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis unterbauten, und dessen Freundes Diomede Pantaleoni, eines angesehenen Arztes. Als Grundlage der Versöhnung Turins mit Rom sollte ein Memorandum dienen, dessen Kern die freie Kirche im freien Staat bildete: Der Staat nimmt für sich das Eigentum der kirchlichen Güter in Anspruch, überweist jährlich zwei Millionen an den