Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv

424 Literaturberichte Skandal ein Ende mache, die Befugnis, sich Absolution von den Kirchen­strafen durch einen vom Sünder zu bestimmenden Priester erteilen zu lassen, und Cavour erzielte mit Hilfe von zehn Millionen Lire, die er dem König zur Weitergabe an seine Konkubine zukommen ließ, einen Aufschub der Eheschließung. Viktor Emanuel wartete ungeduldig auf den Augenblick, Cavour zu entlassen, und diesen Augenblick sollte der Sieg über Österreich bringen. Nach der österreichischen Niederlage bei Magenta, am 4. Juni 1859, erwartete Napoleon eine preußische und russische Intervention und war bereit, wie Sacconi berichtet, sich mit einer unabhängigen Lombardei unter Erzherzog Maximilian zufrieden zu geben, aber niemand fiel ihm in den Arm. Ein schwerer Schlag für die Sicherheit des Kirchenstaates war die Abberufung der österreichischen Garnisonen aus Ancona und Bologna, wo man mit der Erhebung nur auf den Abzug des letzten Weißrocks wartete. Die Entfernung der Österreicher aus dem Kirchenstaat erfolgte weniger aus militärischen Gründen als in der Absicht, Schwierigkeiten, welche Napoleon unter dem Vorwand der Anwesenheit österreichischer Garnisonen dem Papst bereiten wollte, vorzubeugen. Napoleon mußte, kaum daß er sein Ziel, die Österreicher aus dem Kirchenstaat zu vertreiben, erreicht hatte, ihren Abzug bedauern, denn nun trat ein, was er lieber noch vermieden hätte, der Anschluß an Piemont. Der Kaiser strebte, wie einst Metternich, einen italienischen Staaten­bund an, aber unter französischer Führung, Cavour den Einheitsstaat, und Cavour verstand es, die italienischen Angelegenheiten mit größerer Meister­schaft zu handhaben als der Pariser Dilettant, auch war er, durch England gedeckt, der Stärkere. Während die diplomatische Welt noch immer ein Eingreifen Preußens erwartete, wurde zur allgemeinen Überraschung der Waffenstillstand von Villafranca geschlossen. Mit der durch die Klausel, welche fremde Intervention ausschloß, entwerteten Bestimmung, daß die beiden Kaiser die Wiedereinsetzung der vertriebenen Fürsten betreiben werden, wurde auch der Kirchenstaat dem Zugriff Piemonts preisgegeben, waren zumindest die Legationen verloren. Die Klausel ist dem Kopf Cavours entsprungen, der der Einigung Italiens keinen größeren Dienst erweisen konnte. Nach dem kläglichen Versagen des toskanischen Aufgebotes zu schließen, wäre die Rückführung des Großherzogs ein militärisches Kinder­spiel gewesen, aber Österreich waren durch die Klausel die Hände gebunden. In der Frage der Heimkehr der rechtsmäßigen Herrscher erreicht Napo­leons Doppelspiel seinen Höhepunkt. Die dem Züricher Frieden vom 16. Ok­tober 1859 vorgesehene Rückgabe Toskanas und Entschädigung des Herzogs Robert von Parma mit Modena, war dank der festgehaltenen Klausel wir­kungslos. Napoleon vertröstete Ferdinand IV. mit der Hoffnung auf baldige Heimkehr nach Florenz und ermutigte zur gleichen Zeit Piemont, die Leitung der Herzogtümer kräftig in die Hand zu nehmen. In Toskana sollte nach dem Wunsche Turins der Prinz von Carignan zum Regenten gewählt werden. Als Boncompagni mit der Regentschaft betraut wurde, tobte Ricasoli in Turin: „O Carignan o nessuno, ma in tutti i modi Carignano.“ Aber Napoleon billigte die Diktatur Boncompagnis. Das Über-

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