Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv
420 Literaturberichte Die revolutionäre Bewegung hatte das Stadium der Köhlerromantik und Militärputsche überwunden, die war in eine neue Phase getreten, in welcher die Politiker sich der Politik bemächtigten. Am 3. November 1847 verabredeten der Papst, Piemont und Toskana, von Lord Minto angetrieben, einen Zollverein, dessen Wirksamkeit zwar noch durch das Fernbleiben von Modena, das Piemont von Toskana trennte, beeinträchtigt wurde. Wie in Deutschland wurde in Italien die politische Einigung durch die wirtschaftliche angebahnt. Am 10. März 1848 erhielt der Kirchenstaat ein neues Ministerium, am 14., einen Tag nach dem Ausbruch der Wiener Revolution, wurde in Rom die Verfassung kundgemacht. Der Sturm blies über die Campagna, und die geistlichen Herren konnten ihn ebensowenig abhalten wie die weltlichen Nachbarn im Süden und Norden. Der Pöbel reißt das Kaiserwappen vom Palazzo Venezia, das Franz I. bei seinem Besuch 1819 wieder hersteilen ließ, und schleift es über den Corso, um seine Trümmer auf der Piazza del Popolo zu verbrennen. 1850 wird das kaiserliche Wappen wieder von päpstlichen Truppen unter klingendem Spiel angebracht. Die Revolution war gezähmt. Die Erfahrung hat Pius IX. die Augen für die Gefahren der liberalen und nationalen Strömung geöffnet, und er erhob sich zum universalen Geist der Kirche, zum Papst der Unbefleckten Empfängnis Mariens, des Syllabus und der Unfehlbarkeitserklärung und dies in den Jahren, in welchen das Patrimonium Sancti Petri sein Eigenleben verlor, um in dem Königreich Italien aufzugehen. Aufrecht und fest auf dem Boden des Rechts stehend heben sich die Gestalten des neunten Pius und des Cardinal Staatssekretärs Antonelli von dem von Krieg und Revolution rot gefärbten Horizont ab, die einzigen edlen — und ungehörten — Akteure in dem „Schauspiel des Kampfes zwischen dem Recht ohne Macht und der Macht ohne Recht“, wie Hübner diesen weltgeschichtlichen Prozeß bezeichnete. Im Juni 1857 empfängt der Papst anläßlich seines Besuches in Bologna den Gesandten Sardiniens. Der Empfang ist unmittelbar vor dem Segen angesetzt, den der Heilige Vater den österreichischen Truppen erteilt, so daß der Gesandte auf dem Weg zur und von der Audienz die aufgestellten Weißröcke passieren muß, eine Warnung, daß es noch eine Macht gibt, die Romagna vor dem Zugriff eines Landräubers zu schützen. Magenta und Solferino haben das Schicksal des Kirchenstaates entschieden. Österreich verlor den Kampf um die Vorherrschaft in Italien, und Napoleon III., der den Krieg gewann, wurde durch Cavour um den Siegespreis geprellt. Napoleons Ziel, wie vor ihm das Österreichs, war ein italienischer Staatenbund, aber unter seiner Leitung. Er unterlag, mußte mit gebundenen Händen der von England betriebenen Einheit Italiens Zusehen. Die hilflose Zuschauerrolle Österreichs war durch seine Schwäche bestimmt, die Stellung der wehrlosen Kurie, die sich nur auf das Recht stützen konnte und es ablehnen durfte, mit Räubern zu verhandeln, klar vorgezeichnet, Cavour wußte, was er wollte und wie er es durchsetzen mußte, und ebenso folgerichtig war die schon vor dem Sturmjahr festgelegte Politik Palmerstons. Der wachsende Widerstand im lombardo-venezianischen Königreich gegen Österreich erhöhte die Gefahr eines überragenden Einflusses Frankreichs. War die Vormachtstellung Wiens auf die Dauer nicht