Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv

414 Literaturberichte keiten Ludwig XIV. selbst in seinen letzten Lebensmonaten, für ganz kurze Zeit den Regenten Herzog Philipp von Orléans und Ludwig XV. privat, da er Friedrich den Großen nicht leiden konnte. Auf der anderen Seite Karl VI. durch einen großen Teil seiner Regierung hindurch und Maria Theresia vom Beginn ihrer Herrschaft an. Auf französischer Seite seien u. a. die Marquise de Maiintenon, der Marschall Duc de Villars, der Außenminister Marquis de Torcy, der berühmte Montesquieu, der Kardinal Tencin und nicht zuletzt, trotz aller seiner Handlungen, die das Gegenteil zu beweisen scheinen, der langjährige Premierminister Kardinal Fleury hervorgehoben, dessen Eigenart Br. besonders genau und fein charakterisiert. Schließlich natürlich die Marquise de Pompadour und der Abbé Bernis. Auf der öster­reichischen Seite erwähne ich nur den älteren Vertreter der Familie Kaunitz, den Reichsvizekanzler Grafen Dominik Andreas, vorübergehend den Prinzen Eugen von Savoyen, den allerdings nicht sehr fähigen und sympathischen Minister Philipp Ludwig Grafen Sinzendorff, besonders den Staatssekretär Johann Christoph Freiherrn von Bartenstein, um vom Staatskanzler Wenzel Graf (Fürst) Kaunitz zu schweigen. An Fürsten und Ministern im Reiche zähle ich schließlich den Kardinal Wilhelm Egon v. Fürstenberg, den Kurfürsten Josef Klemens von Köln und den sächsischen Minister Grafen Brühl auf. Viele Diplomaten sind im Verlauf dieser Jahr­zehnte als ordentliche Gesandte oder Botschafter nach Paris und nach Wien mit dem ausdrücklichen Auftrag, am Abbau der Feindschaft und am Aufbau der „Union“ mitzuarbeiten, und mit ausführlichen Instruktionen und Denk­schriften hierüber ausgeschickt worden. Sie können hier nicht genannt werden. Br. versenkt sich aber auch, wie in seinem letzten Prinz-Eugen-Buch, mit einer deutlichen und wieder erfolgreichen Vorliebe in das meistens sehr geheime und doch durch die Archivalien kündbar werdende Treiben der fast unzähligen kleinen diplomatischen, teils Berufs-, teils Amateuragenten auf beiden Seiten, die für jene Zeit des fürstlichen Absolutismus so be­zeichnend sind. Sie arbeiteten noch eifriger als die großen Gesandten und Botschafter am Werk der politischen Vereinigung beider Staaten, da sie von einem gerade ihnen zufallenden Erfolg Aufstieg, Geld und Ruhm er­warteten, die sie nötiger als die anderen hattern. Ich kann hier nicht alle erwähnen. Ich nenne nur z. B. eine interessante Gestalt, wie den Grafen Friedrich Alexander von Wied-Neuwied, der zweimal auf die Bühne der Politik trat. Dies ist ein weiterer Vorzug des Buches Br.’s. Fast nur im Vorbeigehen bringt Br. da und dort Neues zur politischen Geschichte jener Zeit. Durch ihn sehen wir z. B. erst die Ereignisse um die Beendigung des Polnischen Erbfolgekrieges vollkommen klar (um 1735), wobei sich Österreich und Frankreich über die Köpfe aller berufenen und unberufenen Vermittler hinweg rasch einigten. Hie und da stört vielleicht etwas die übervorsichtige Ausdrucksweise Br..’s, wobei er immer wieder seine Zweifel und seine Vorbehalte hervor­hebt. Das gewiß richtige Motiv dafür ist folgendes: Er will nicht, daß man den Fortschritt zur „Union“ überschätze und die Nachwirkung der alten Tradition der Erbfeindschaft unterschätze und daß seine Darstellung irgendwie irreführe.

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