Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
SANTIFALLER, Leo: Beiträge zur Neueren Geschichte aus dem Österreichischen Staatsarchiv
Beiträge zur Neueren Geschichte aus dem Österr. Staatsarchiv 253 Kaiser von Österreich, versagt worden war“ 8). Jedenfalls hat der beabsichtigte Besuch des Präsidenten der französischen Republik im Vatikan damals nicht stattgefunden. Am 1. Mai 1904 übersandte der apostolische Nuntius in Wien, Granito de Belmonte, dem k. u. k. Minister des Äußern, Grafen Goluchowski, die Abschrift eines Protestschreibens des Kardinal- Staatssekretärs Merry del Val, betreffend die Romreise des Präsidenten Loubet (Text Nr. 7). Die Frage des Besuches katholischer Souveräne und Fürstlichkeiten in Rom bildete auch in den folgenden Jahren immer wieder den Gegenstand von diplomatischen Berichten und Aufzeichnungen9): so berichtet am 21. März 1907 der österreichisch-ungarische Botschafter Graf Szécsen, daß der Besuch des Herzogs Emst Günther von Schleswig-Holstein und dessen katholischer Gemahlin, obwohl das Herzogspaar vorher vom König und der Königin von Italien empfangen worden war, im Vatikan angenommen wurde. Sodann hat der italienische Außenminister Tittoni in einer Unterredung mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter, Grafen Lützow, Ende Oktober 1907 neuerdings die „Besuchsfrage“ aufgeworfen; die Folge waren weitere Besprechungen und Korrespondenzen, an denen sich auch die katholischen Mächte Spanien und Portugal beteiligten, wobei u. a. der königlich spanische Gesandte in Lissabon, Graf San Luis, erklärte, daß in Hinsicht auf die Regelung der Frage des Besuches katholischer Souveräne in Rom in erster Linie die Meinung des Kaisers von Österreich maßgebend sein würde; dieselbe Frage bildete sodann auch Gegenstand der Besprechungen des österreichisch-ungarischen Außenministers, Freiherrn von Aehrenthal, mit dem italienischen Außenminister Tittoni in Salzburg am 5. September 1908; mindestens theoretisch wurde bei diesen Verhandlungen insofern ein gewisser Fortschritt erzielt, als Tittoni nicht mehr unter allen Umständen auf Rom als Besuchsort bestand; im übrigen war der österreichische Standpunkt der, daß Kaiser Franz Josef Auslandreisen nicht mehr unternimmt und daher auch die Besuche der Könige von England und Spanien nicht erwidert hat; außerdem wurde von österreichischer Seite im Gange der Verhandlungen angedeutet, daß weitere Besprechungen über diese Angelegenheit nicht erwünscht seien; alle diese Unterredungen und Korrespondenzen haben zwar manche historisch und völkerrechtlich bemerkenswerte Gesichtspunkte und Feststellungen ergeben, aber praktisch war ihnen kein Erfolg beschieden; Kaiser Franz Josef hat auch seither keinen Rombesuch gemacht und die Frage des Besuches katholischer Staatsoberhäupter in Rom wurde nicht gelöst. Im April 1910 weilte der katholische Fürst Albert von Monaco, allerdings nicht in offizieller Form, son8) Ludwig Freiherr von Pastor, Tagebücher — Briefe — Erinnerungen, hrsg. von Wilhelm W ü h r, 1950, S. 430. 9) Alles folgendes aus: Österreichisches Staatsarchiv, Abt. Haus-, Hof- und Staatsarchiv: Politisches Archiv (Liasse: Päpstlicher Stuhl, Frage des Besuches katholischer Souveräne und Prinzen in Rom 1907—1908, 1910).